11.12.2025 - Thomas Joppig

Ertasten, woher der Schmerz kommt

Pressedienst

Bundesweit einzigartiges Fortbildungszentrum für Manuelle Medizin nach Cyriax

Götz Dimanski im Gespräch mit einer Patientin.
Götz Dimanski im Gespräch mit einer Patientin. © WFB/Jens Lehmkühler

In Bremen befindet sich ein bundesweit einzigartiges Fortbildungszentrum: An der Akademie für Manuelle Medizin nach Cyriax lernen Ärzte, wie sie mit den Händen Muskel- und Skeletterkrankungen ihrer Patienten erkennen und behandeln können. Leiter Dr. Götz Dimanski kommt dabei auch seine langjährige Erfahrung als Mannschaftsarzt bei Werder Bremen zugute.

Sechs Wochen keinen Sport treiben – für Thorsten Sander* war das eine niederschmetternde Diagnose. Der passionierte Läufer befand sich gerade im Training für einen Marathon im spanischen Valencia, als er plötzlich heftige Schmerzen im Rücken verspürte. Sein Orthopäde ließ ein MRT-Bild machen und diagnostizierte daraufhin einen Haarriss im Bereich des Kreuzbeins. „Das war ein Schlag“, erinnert sich der 49-jährige Bremer. Er hatte sich schon auf den sportlichen Urlaub mit Freunden gefreut, Flüge und Hotelzimmer waren bereits gebucht.

Nach der anfänglichen Enttäuschung holte er beim Sportmediziner Dr. Götz Dimanski vom Reha Zentrum Bremen, das sich auf Manuelle Medizin spezialisiert hat, eine zweite Meinung ein: Der schaute sich das Gangbild von Sander genau an. Mit gezielten Griffen ertastete er lediglich eine Überlastung von Muskelgruppen – und sollte recht behalten: Die vermeintlichen Auffälligkeiten im MRT-Bild erwiesen sich als harmlos. Sanders Schmerzen ließen schon bald nach, und er konnte sein Training wieder aufnehmen. Erst begann er mit einfachen Übungen im Fitnessstudio, dann nach rund sechs Wochen wieder auf seiner vertrauten Laufstrecke. „Ich war sehr erleichtert. Sport hat für mich auch etwas mit Wohlfühlen zu tun“, sagt Sander, der sich auf seinen 22. Marathon freut.

Für Götz Dimanski ist die Geschichte von Thorsten Sander kein Einzelfall. Der 63-Jährige findet, dass sich viele Orthopädinnen und Orthopäden zu sehr auf die bildgebende Medizin verlassen, egal, ob auf Röntgenbilder, MRT- oder CT-Scans. „Solche Bilder können zweifellos viele wertvolle Informationen enthalten“, sagt er. Allerdings gebe es gerade bei Patienten über 30 oft Nebenbefunde, die für die konkreten Beschwerden gar nicht ausschlaggebend waren, was eine treffsichere Diagnostik erschwere. 

Frühe Faszination für britischen Orthopäden Henry James Cyriax

Schon als junger Arzt war er deshalb von den Möglichkeiten der Manuellen Medizin nach Cyriax fasziniert. Henry James Cyriax (1904–1985) war ein britischer Orthopäde, der als Pionier auf dem Gebiet der Manuellen Medizin gilt. Durch gezieltes Abtasten der betroffenen Körperregionen und das genaue Beobachten von Bewegungsabläufen der Betroffenen lernen Ärztinnen und Ärzte, Muskel- und Skeletterkrankungen ihrer Patienten zielgerichteter zu diagnostizieren und zu behandeln.

Der Mediziner Dimanski beugt sich über ein Bein eines Patienten und behandelt den Fuß.
Der Mediziner setzt gezielte Griffe zur Diagnose und Behandlung ein. © WFB/Jens Lehmkühler

Wie hilfreich diese Methode sein kann, hat auch Andreas Schrader erfahren, der aufgrund kleinerer Sportverletzungen und Rückenbeschwerden schon häufiger bei Dimanski in Behandlung war: „Es erstaunt mich jedes Mal, was er alles mit seinen Händen spürt und wie schnell er Verspannungen oder Verrenkungen lösen kann“, sagt der 67-jährige Bremer.

Neben den Gelenken stehen Sehnen, Bänder und Muskeln im Mittelpunkt

Dimanski hat diese Methode vor über drei Jahrzehnten bei dem Bremer Orthopäden Dr. Peter Hirschfeld erlernt, der selbst ein Schüler von Cyriax war. Acht Jahre lang hospitierte Dimanski immer wieder in Hirschfelds Praxis, begleitete zahlreiche Untersuchungen und erlernte so die entscheidenden Handgriffe. Im Mittelpunkt der Diagnostik und Therapie stehen dabei nicht nur die Gelenke, sondern auch die sie umgebenden Strukturen wie Sehnen, Bänder und Muskeln. „Die Methode lässt sich nicht nur gut erlernen, sondern auch sehr gut lehren“, sagt Dimanski.

Sein Wissen gibt er seit zwei Jahren an der Akademie für Manuelle Medizin nach Cyriax weiter, einer bundesweit einzigartigen Fortbildungseinrichtung. Sie gehört zum RehaZentrum Bremen, wo Dimanski als Ärztlicher Geschäftsführer tätig ist. „Ich bin vermutlich einer der letzten Ärzte, die noch bei einem Schüler von Cyriax gelernt haben. Deshalb ist es mir ein großes Anliegen, dass dieses Wissen nicht verloren geht.“

Jährlich bildet er bis zu 15 Ärzte aus, 320 Unterrichtsstunden umfasst ein Lehrgang, den die Ärzte berufsbegleitend an den Wochenenden absolvieren. Trotz des zumeist stressigen Praxisalltags vieler Kolleginnen und Kollegen sei das Interesse groß, so Dimanski. Unter den Absolventen seien nicht nur Medizinerinnen und Mediziner aus Orthopädiepraxen, sondern auch von Hausarztpraxen, die ihr Behandlungsspektrum erweitern möchten. 

Ein Mann – Dimanski – sitzt auf einer Behandlungsliege und schaut in die Kamera.
Dimanski war lange Mannschaftsarzt bei Werder Bremen. © WFB/Jens Lehmkühler

23 Jahre als Mannschaftsarzt von Werder Bremen tätig

Schnell und treffsicher zu diagnostizieren – das war dem Mediziner auch als langjähriger Mannschaftsarzt bei Werder Bremen wichtig. 23 Jahre lang, von 1991 bis 2014, war er für den Verein tätig, zunächst als stellvertretender und dann 15 Jahre lang als leitender Mannschaftsarzt. Für den sportbegeisterten Mediziner ging damit ein Jugendtraum in Erfüllung. Unter Trainer Thomas Schaaf und Manager Klaus Allofs erlebte Dimanski, den die Spieler vertrauensvoll „Docki“ nannten, große Erfolge der Grün-Weißen – etwa das Double aus Meisterschaft und Pokalsieg in der Saison 2003/04.

Seine Kenntnisse der Manuellen Medizin kamen ihm auch dort zugute. Unvergessen sei ihm etwa ein Einsatz im vollen Weserstadion vor über 40.000 Zuschauern: „Ein Stürmer lag mit starken Schmerzen am Boden und sagte zu mir: ‚Docki, ich kann nicht mehr weitermachen, ich kriege mein Knie gar nicht mehr gerade.‘ Der hatte einen eingeklemmten Meniskus. Den konnte ich mit wenigen Handgriffen wieder lösen, und der Stürmer konnte weiterspielen. Ich glaube, die Zuschauer haben davon kaum etwas mitbekommen“, erinnert sich Dimanski lachend.

„Die Natur lässt sich nicht austricksen“

Sportverletzungen ließen sich natürlich nicht immer so schnell behandeln. „Mitunter sind längere Auszeiten unerlässlich, damit sich der Körper erholen kann.“ Umso wichtiger sei es in solchen Fällen, dass der Mannschaftsarzt das Vertrauen des Trainers habe. „Ich bin froh, dass das in meiner Laufbahn bei Werder immer der Fall war.“ Leider gebe es gerade in den Top-Ligen immer wieder Beispiele, wo Hoffnungsträger im Team entgegen dem Rat des Arztes viel zu früh zurück auf den Platz geschickt würden. „Das kann die Gesundheit von Spielern nachhaltig gefährden“, so Dimanski. „Die Natur lässt sich nicht austricksen.“

Aufgrund seiner positiven Erfahrungen mit der Manuellen Diagnostik und Therapie wirbt Dimanski dafür, dass diese Methode in Deutschland ein fester Bestandteil der Facharztweiterbildung wird. „Angehende Orthopädinnen und Orthopäden lernen sehr viel Chirurgie. Die spielt aber für viele Kollegen im ambulanten Praxisalltag kaum eine Rolle.“ Erst jüngst hat Dimanski ein internationales Expertenteam in Bremen zu einem Symposium zusammengeholt, um die Erkenntnisse von Cyriax in der Fachwelt bekannter zu machen. „Ich wünsche mir, dass mehr Kolleginnen und Kollegen entdecken, wie bereichernd es ist, sich in der Diagnostik auf das verlassen zu können, was man mit den eigenen Händen fühlt.“


*Der Name wurde von der Redaktion geändert und ist dieser bekannt. 

Pressekontakt:

Dr. Götz Dimanski, Ärztlicher Geschäftsführer RehaZentrum Bremen Tel.: +49 421 44 96 96 E-Mail: dimanski@sporthep.de

Bildmaterial:

Das Bildmaterial ist bei themengebundener Berichterstattung und unter Nennung des jeweils angegebenen Bildnachweises frei zum Abdruck.

Foto 1: Götz Dimanski im Gespräch mit einer Patientin. ©WFB/Jens Lehmkühler 
 
Foto 2: Der Mediziner setzt gezielte Griffe zur Diagnose und Behandlung ein. ©WFB/Jens Lehmkühler 
 
Foto 3: Dimanski war lange Mannschaftsarzt bei Werder Bremen. ©WFB/Jens Lehmkühler  
 
Der Pressedienst aus dem Bundesland Bremen berichtet monatlich über Menschen und Geschichten aus dem Bundesland Bremen mit überregionaler Relevanz, herausgegeben von der WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH. Bei den Artikeln handelt es sich nicht um Werbe- oder PR-Texte, sondern um Autorenstücke, die von Journalistinnen und Journalisten geschrieben werden. Es ist erwünscht, dass Redaktionen den Text komplett, in Auszügen oder Zitate daraus übernehmen.

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