4.2.2026 - Andreas Schack

Mehr Bewegung für die psychische Gesundheit

Social Entrepreneurship

Bremer Sozialunternehmenspreis 2025: „Mut fördern“ ausgezeichnet

Menschen auf Fahrrad
Eine Fahrrad-Tour durch Deutschland um über Depressionen aufzuklären - so fing Mut fördern an. © Mut fördern

Wer im Bürgerpark unterwegs ist, kann ihnen mit etwas Glück begegnen. Denn die kleine Gruppe von Bremerinnen und Bremern spaziert hier regelmäßig. Mal schweigend, mal im Gespräch. Kein Stuhlkreis, keine Namensschilder, keine Verpflichtungen. Nur ein Termin, ein Treffpunkt und das Angebot, gemeinsam rauszugehen. Für viele Menschen mit Depression ist genau das der entscheidende erste Schritt: raus aus der Wohnung, rein in den Kontakt. Die sogenannte „Mut-Gruppe“ ist eine von mehreren Aktivitäten des Vereins „Mut fördern“, der 2025 mit dem Bremer Sozialunternehmenspreis der WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH ausgezeichnet wurde.

Ausgezeichnet wurde der Verein für seine Arbeit an der Schnittstelle von Selbsthilfe, Öffentlichkeitsarbeit und digitalen Angeboten. Und für einen Ansatz, der konsequent niedrigschwellig bleibt: Menschen stärken, ohne sie festzulegen. „Unsere Kernbotschaft lautet: Depression ist behandelbar. Offenheit hilft“, erklärt Gründer Sebastian Burger. Und: „Bewegung tut gut. Nicht als Heilversprechen, sondern als Türöffner.“

Drei Bausteine, ein Prinzip

„Mut fördern“ arbeitet bundesweit mit drei Formaten, die sich gegenseitig ergänzen: einer Tandem-Fahrradtour, einem Online-Wegweiser und lokalen Gruppen, wie die erwähnte aus dem Bürgerpark. Das verbindende Prinzip ist immer ähnlich: Struktur, Natur, Austausch und die wichtige Erfahrung, nicht allein zu sein.

Den Anfang machte 2012 die Mut-Tour. Von Mai bis September sind seitdem alljährlich Teams mit ihren Fahrrädern in ganz Deutschland unterwegs, etappenweise mehrere Tage, auf Tandems und bewusst ohne Motor. Wer mitfährt, bringt meist eigene Erfahrungen mit Depression und professioneller Behandlung mit. Ein therapeutisches Angebot sei die MUT-TOUR aber nicht: „Bei uns unterstützen sich Betroffene gegenseitig, geben einander neue Perspektiven und finden Worte, wenn Selbstbewusstsein oder Sprache fehlen“, sagt Burger. Die Tandems seien dabei Symbol und Praxis zugleich: Vertrauen, gegenseitige Motivation, ein gemeinsames Tempo.

Menschen auf dem Marktplatz
Öffentlichkeitswirksam versucht das Sozialunternehmen auf gesellschaftlich relevante Themen aufmerksam zu machen. © Mut fördern

Der Mut fördern e.V. sucht ganz bewusst nicht den geschlossenen Raum, sondern den öffentlichen. Die Radtour macht Pausen auf Marktplätzen, wird angesprochen, gibt Interviews, kommt mit Menschen ins Gespräch. Manchmal spontan, manchmal organisiert über lokale Aktionstage mit psychosozialen Trägern. Burger beschreibt das fast wie eine wandernde Plattform. „Akteure vor Ort treffen sich, stellen ihre Angebote vor, vernetzen sich und die Tour kommt für eine Stunde dazu. Nicht selten mit dem Effekt, dass sich langjährige Institutionen erstmals persönlich begegnen.“ Dass das funktioniert, liegt auch am Ton des Vereins: nicht problemfixiert, sondern positiv formuliert. Wir reden nicht davon, gegen Stigmatisierung zu sein“, sagt Burger, „sondern für mehr Mut und Wissen.“

Der Mut-Atlas als Wegweiser

Aus einem sehr praktischen Problem heraus entstand der zweite Baustein: der Mut-Atlas, ein gemeinnütziger Online-Wegweiser rund um psychische Gesundheit. Heute sind dort laut Burger über 11.000 Hilfsangebote gelistet, für Betroffene, Angehörige und beruflich Helfende. Neu ist ein Tool, das den Übergang aus Klinik oder Behandlung in den Alltag unterstützen soll. Beratende können gemeinsam mit Patientinnen und Patienten eine Auswahl erstellen und diese als PDF oder Link mitgeben.

Burger nennt das eine „Mangelverwaltung mit Orientierung“. Es sei ein Versuch, in einem System mit langen Wartezeiten Alternativen sichtbar zu machen. Gleichzeitig wird der Mut-Atlas zunehmend kooperativ gedacht. Kommunen können lokale Ableger nutzen oder eine stärker ans eigene Erscheinungsbild angepasste Version beauftragen.

Die Mut-Gruppe für Bewegung

In Bremen zeigt sich die Initiative besonders greifbar. Die Mut-Gruppe trifft sich bereits seit Jahren regelmäßig zum Spaziergang, meist im Bürgerpark. Zwei Termine im Monat, offen, ohne Mitgliedschaft, ohne Bürokratie und trotzdem mit spürbarer Bindung. Andrea Roosch organisiert die Treffen ehrenamtlich. „Manchmal steht schon jemand da, traut sich dann aber noch nicht mit uns zu gehen. Beim nächsten Mal klappt es vielleicht“, macht sie Mut. Der Reiz liege im Einfachen. „Wer sich in einer schweren Phase befindet, braucht oft genau das: eine Verabredung, die trägt.“

Gruppenbild Sozialunternehmenspreis Teaser
Gruppenbild der Sozialunternehmenspreis-Gewinner:innen aus dem Jahr 2025 © WFB/Seebeck

Sozialunternehmerisch im Verein

Mut fördern ist ein eingetragener Verein. Nach eigenen Angaben umfasst das Team rund 6,5 Vollzeitstellen (insgesamt elf Personen) und ein Jahresbudget von rund 750.000 Euro. Finanziert wird die Arbeit überwiegend über öffentliche Mittel, vor allem aus der Selbsthilfeförderung gesetzlicher Krankenkassen und aus Mitteln der Rentenversicherung – sowie der Stiftung Dr. Heines und der SV Werder Bremen Stiftung. Ergänzend kommen Mitgliedsbeiträge, Teilnahmebeiträge (für z. B. Verpflegung) und Spenden hinzu.

Burger beschreibt die Herausforderung nüchtern: Unternehmerisch denken, um Gemeinwohl stabil zu ermöglichen. „Unser Fokus ist Wirkung und Stabilität“, sagt er. „Wir wollen Rücklagen aufbauen und Personal verlässlich finanzieren.“ Dass Mut fördern beim Sozialunternehmenspreis ausgezeichnet wurde ist für ihn auch ein Signal: Wirkung kann unternehmerisch organisiert sein, auch als Verein.

Neben dem Bremer Sozialunternehmenspreis verweist Burger auf eine weitere Auszeichnung: Mut fördern wurde 2025 zudem mit dem Phineo-Wirkt-Siegel geehrt. „Kein Preisgeld“, sagt Burger, „Aber wieder mehr Sichtbarkeit.“ Gleichzeitig entstehen neue Arbeitsfelder. Der Verein arbeitet nach eigenen Angaben mit dem Bundesministerium für Gesundheit und einer Universität an einem Projekt zur Suizidprävention.

Neue Workshops für Unternehmen

Ein weiterer Schritt ist bereits skizziert: „BGM-Workshops für Unternehmen, die nicht im Seminarraum stattfinden, sondern in Bewegung, mit Tandems, informellen Gesprächen und Peer-Perspektive.“ Burger hält das für wirksamer als die üblichen Formate, weil Menschen so echte Begegnungen erleben können. Der Verein sucht dafür noch Pilotpartner, am besten aus Bremen und dem Nordwesten. Unternehmen, die psychische Gesundheit am Arbeitsplatz nicht nur abhaken, sondern in die Unternehmenskultur übersetzen wollen.

Mit dem Bremer Sozialunternehmenspreis wurde die wichtige Arbeit von Sebastian Burger und seinem Team nun ausgezeichnet: Menschen befähigen, Orientierung geben, Öffentlichkeit schaffen. Und dabei konsequent auf das setzen, was im Alltag funktioniert. Oder, wie es im Verein gern kurz heißt: Mut machen. Wissen teilen. Gemeinsam gehen.

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