Wie Paula Modersohn-Becker zur Avantgarde-Künstlerin wurde
KreativwirtschaftAnlässlich ihres 150. Geburtstag wird die Malerin nicht nur in Bremen gefeiert
Egal, ob in New York, London oder Paris: Ausstellungen mit Werken von Paula Modersohn-Becker sind international so gefragt wie noch nie. Am 8. Februar 2026 jährt sich der Geburtstag der Malerin zum 150. Mal. Ihre Jugend verbrachte sie in Bremen. Daran erinnert nicht nur ein Museum, das nach ihr benannt ist. Hier hütet auch eine Stiftung ihr bedeutendes Werk.
Paula Modersohn-Becker gilt als Wegbereiterin der modernen Malerei. Ein Ausnahmetalent – empfindsam, ehrlich und eigensinnig. Dem Weg der Malerin zur Avantgarde-Künstlerin spürt auch die Ausstellung „Becoming Paula“ nach, die vom 8. Februar bis zum 13. September 2026 im Paula Modersohn-Becker Museum in der Böttcherstraße zu sehen ist und ihre Stationen in Bremen, Berlin, Worpswede und Paris beleuchtet. Das Datum ist nicht zufällig gewählt: Am 8. Februar jährt sich der Geburtstag von Paula Modersohn-Becker zum 150. Mal.
„Sie war eine Avantgarde-Künstlerin – auch wenn das zu ihren Lebzeiten nur wenige Menschen erkannt haben“, sagt Wolfgang Werner, Kunsthändler sowie Vorstandsmitglied und Mitbegründer der Bremer Paula Modersohn-Becker Stiftung. Werner ist mit dem Werk Paula Modersohn-Beckers seit Jahrzehnten vertraut. Er half ihrer Tochter Mathilde (1907 – 1998), den Nachlass der Mutter zu ordnen und 1979 in die neu gegründete Stiftung zu überführen. In deren Besitz befinden sich unter anderem rund 70 Gemälde, 600 Zeichnungen und das Archiv.
Internationale Museen widmen der Malerin Sonderausstellungen
Die Gemälde hängen im Paula Modersohn-Becker Museum – sofern sie nicht gerade als Leihgaben auf internationalen Ausstellungen unterwegs sind. Und das ist immer öfter der Fall: Seit rund zehn Jahren registrieren Wolfgang Werner und seine Kollegin Rebecca Duckwitz ein gesteigertes Interesse am Werk der Malerin mit Wurzeln in Bremen. Das Musée d’Art Moderne in Paris, die Royal Academy in London, die Neue Galerie in New York und das Art Institute of Chicago widmeten ihr Sonderausstellungen.
Die Bremer Stiftung hat ihren Sitz nur etwa 15 Gehminuten entfernt von jenem Wohnhaus an der Schwachhauser Chaussee 29 (der heutigen Schwachhauser Heerstraße 23), in dem die gebürtige Dresdnerin Paula Becker nach dem Umzug ihrer Familie lebte. Ab dem zwölften Lebensjahr verbrachte sie dort ihre Jugend.
Sie geht in ihrem Werk der Frage nach dem Wesentlichen nach
Schon früh ist Paula Becker auf ihre eigene Ausdrucksform in der Malerei bedacht. In ihren Bildern stellt sie Menschen nicht etwa beschönigend oder gefällig dar, sondern so, wie sie sie wahrnimmt: müde oder abgekämpft von der harten Arbeit auf dem Land, mit Alters- oder Sorgenfalten im Gesicht. Anfangs noch vergleichsweise naturalistisch, konzentriert sie sich zunehmend auf die wesentlichen Grundformen ihrer Motive. Die Frage nach der Essenz, dem Wesentlichen dessen, was sie malt und zeichnet, beschäftigt sie bereits als 20-Jährige. „Ich zeichne noch jeden Schatten zu ausgeprägt, ich bringe noch zu viel Unwichtiges auf das Papier“, stellt sie in einem Brief an ihre Eltern fest, als sie einen Zeichen- und Malkurs in Berlin besucht. „Riesig, riesig schwer! Das Ganze immer im Auge zu behalten, wo man doch zurzeit immer nur das Einzelne sieht. Ich lebe jetzt ganz mit den Augen, sehe mir alles aufs Malerische an“, schreibt sie in ihr Tagebuch.
Die Zeiten des Moormädchen-Images sind vorbei
„Ihr Werk ist nicht gefällig, es ist sperrig. Das macht es so faszinierend“, sagt Rebecca Duckwitz, die seit 20 Jahren als Kunsthistorikerin für die Stiftung tätig ist. Die hohen Regale in ihrem Büro sind voll mit Ordnern und Ausstellungskatalogen. Paula Modersohn-Becker zog 1898 nach Worpswede und fand ihre Motivwelt vorwiegend im bäuerlichen Leben des Dorfes vor den Toren Bremens und im Teufelsmoor. „Für das Verständnis ihrer Kunst ist es allerdings wichtig, sie aus dem sie lange Zeit prägenden ‚Moormädchen-Image‘ herauszuholen“, sagt Rebecca Duckwitz. „Daran haben wir als Stiftung in den vergangenen Jahrzehnten intensiv gearbeitet.“
Bremen spielt auf Paula Beckers Lebensweg früh eine prägende Rolle. Sie besucht hier nach der Schulzeit ein Lehrerinnenseminar und erhält Mal- und Zeichenunterricht beim Bremer Maler Bernhard Wiegandt. Bremen ist nicht nur die Stadt ihrer Jugend, sondern auch der Ort, an dem sie als Künstlerin entdeckt wird. 1899 widmet Gustav Pauli, damals erster wissenschaftlicher Mitarbeiter der Kunsthalle Bremen und später deren Direktor, ihr und zwei weiteren Künstlerinnen eine Ausstellung: „Er war der erste einflussreiche Mensch in der Kunstwelt, der das innovative Potenzial ihrer Bilder erkannt und sie gefördert hat“, sagt Wolfgang Werner. „Seine Entscheidung löste anfangs viel Kritik und Unverständnis aus.“ So schrieb der Maler und Dichter Arthur Fitger in der Weser-Zeitung: „Hätte eine solche Leistungsfähigkeit auf musikalischem oder mimischem Gebiete die Frechheit gehabt, sich in den Concertsaal oder auf die Bühne zu wagen, so würde alsbald ein Sturm von Zischen dem groben Unfug ein Ende gemacht haben.“
Mehrere Aufenthalte in Paris, der Hauptstadt der künstlerischen Avantgarde
In Paulas Elternhaus ist man tief getroffen von der Kritik. Ihr Vater zweifelt gar an der Entscheidung, den künstlerischen Weg seiner Tochter gefördert zu haben. Die 23-Jährige versucht sich unterdessen mit Vorbereitungen für einen lange ersehnten Paris-Aufenthalt abzulenken. Ihrem Worpsweder Malerkollegen Otto Modersohn, zu dem sie sich bereits hingezogen fühlt, schreibt sie: „Augenblicklich ist in meinem armen Kopfe ein Chaos: Packen, Adieusagen, Fitgergespräche!!! Pariser Pläne und Mozartarien, die meine Schwester im selben Zimmer singt.“
In einem Tresor hütet die Bremer Stiftung Briefe wie diesen ebenso wie die Tagebücher der Künstlerin. „Ihr Schreibstil ist unglaublich direkt und sehr lebendig“, sagt Rebecca Duckwitz. „Ihre Formulierungen wirken zeitlos und überhaupt nicht antiquiert.“
Am Silvesterabend 1899 reist Paula Becker mit dem Zug nach Paris. An einer Kunstakademie belegt sie einen Aktmalkursus, den sie mit Auszeichnung besteht. In einer Kunsthandlung entdeckt sie Bilder von Paul Cézanne, die sie als wichtige Bestätigung ihres eigenen künstlerischen Wegs begreift. Immer wieder besucht sie den Louvre, findet Inspiration in den Werken alter und neuerer Meister und kehrt in den folgenden Jahren mehrfach in die damalige Hauptstadt der künstlerischen Avantgarde zurück.
Paula Modersohn-Becker stirbt mit nur 31 Jahren
Ihren künstlerischen Weg verfolgt sie zeitlebens mit großer Beharrlichkeit. „Man muß eben den ganzen Menschen der einen, ureigenen Sache widmen. Das ist der Weg, wie etwas werden kann und wird“, schreibt sie 1899 ihren Eltern. Diese Konsequenz vermag Wolfgang Werner und Rebecca Duckwitz auch nach jahrzehntelanger Beschäftigung mit ihrem Lebenswerk noch immer zu beeindrucken.
1901 heiratet Paula Becker ihren verwitweten Malerkollegen Otto Modersohn. Nur 18 Tage nach der Geburt ihrer gemeinsamen Tochter Mathilde stirbt die Künstlerin am 20. November 1907 an den Folgen einer Embolie.
Umfangreiches Werk mit 750 Gemälde und 1.400 Zeichnungen
Obwohl Paula Modersohn-Becker nur 31 Jahre alt wurde, hat sie ein umfangreiches Werk hinterlassen. Rund 750 Gemälde und etwa 1.400 Zeichnungen hat die Stiftung in zwei Werkverzeichnissen katalogisiert. „Auch ihr weiterer künstlerischer Weg wäre sicher spannend geworden“, betont Rebecca Duckwitz. 20 Jahre nach dem Tod der Malerin eröffnete der Bremer Kaufmann Ludwig Roselius 1927 in der Böttcherstraße das Paula Modersohn-Becker Museum – als weltweit erstes Museum, das einer einzigen Künstlerin gewidmet ist.
Wie berühmt sie und ihre Bilder einmal werden würden, hat Paula Modersohn-Becker nicht mehr erlebt. „Deutschlands Picasso ist eine Frau“, schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung vor einigen Jahren. 2017 erwarb das weltberühmte New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) ihr letztes Selbstbildnis von 1907 und hängte es zwischen Picassos „Demoiselles d’Avignon“ und eine große Komposition von Kandinsky. Erst jüngst wurde ein Selbstbildnis von ihr für 1,27 Millionen Euro versteigert. Die Summe war mehr als das Fünffache des Schätzpreises. Manchmal wird Paula Modersohn-Becker eben sogar heute noch unterschätzt.
Ausstellungen zum 150. Geburtstag von Paula Modersohn-Becker:
Paula Modersohn-Becker Museum, Bremen: „Becoming Paula“, 8.2. – 13.9.2026 Mehr Infos: www.museen-boettcherstrasse.de/ausstellungen/becoming-paula/
Worpsweder Museen: „Impuls Paula“, 7.2. – 1.11.2026 Mehr Infos: https://www.worpswede-museen.de/
Otto Modersohn-Museum, Fischerhude: „Paula Modersohn-Becker – Landschaften“, 8.2.-31.5.2026, Mehr Infos: www.otto-modersohn-museum.de
Pressekontakt: Wolfgang Werner und Rebecca Duckwitz, Paula Modersohn-Becker Stiftung, Tel.: +49 421 32 74 78, E-Mail: info@pmb-stiftung.de
Bildmaterial: Das Bildmaterial ist bei themengebundener Berichterstattung und unter Nennung des jeweils angegebenen Bildnachweises frei zum Abdruck.
Foto 3: Die junge Paula Becker. © Archiv Paula-Modersohn-Becker-Stiftung
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