4.12.2025 - Thomas Joppig

Urbanscreen bringt Orte zum Leuchten und Erzählen

Pressedienst

Mit spektakulären Videoprojektionen an Gebäuden wie dem Opernhaus in Sydney ist Urbanscreen bekanntgeworden. Stand anfangs die ästhetische Verbindung aus bewegten Bildern und Architektur im Mittelpunkt, nutzt das Bremer Unternehmen heute besondere Orte, um deren Geschichte zu erzählen.

Man sieht den Marienplatz hinter dem Karl-Marx-Monument in Chemnitz. Er ist beleuchtet mit einem Motiv von Karl Marx in knalligen Farben mit abstrakten Mustern.
In Chemnitz wurde der Marienplatz hinter dem Karl-Marx-Monument in Szene gesetzt. © Urbanscreen

So hatten die Hamburger ihre Kunsthalle noch nie gesehen: Steine schienen plötzlich aus dem altehrwürdigen Gebäude hervorzutreten, gigantische Hände strichen über die Fassade, auf der ständig neue Muster, Schatten und geometrische Strukturen hervortraten. Es war ein spektakuläres Schauspiel, das den Bremer Projektionsprofis von Urbanscreen vor rund 16 Jahren internationale Aufmerksamkeit einbrachte. Es folgten bis zu 1000 Anfragen pro Jahr – von den USA bis nach Sydney, wo sie das weltberühmte Opernhaus während des Licht- und Musikfestivals „Vivid“ 2012 mit ihren Projektionen ganz neu in Szene setzten. Ein Erfolg, der das Team mitunter selbst staunen ließ.

„Wir erzählen Geschichten“

International gefragt sind die Bremer damals wie heute. Ihr Arbeitsfeld hat sich indes verändert. Standen anfangs Effekte, Muster und Formen im Mittelpunkt, so beziehen heutige Arbeiten von Urbanscreen stärker den jeweiligen Ort mit seiner Historie und seinen Besonderheiten mit ein: „Wir erzählen Geschichten, die an den Ort gebunden sind, an dem sie gezeigt werden. Das schafft ein besonderes Erlebnis“, sagt Till Botterweck, der neben Majo Ussat Geschäftsführer ist und von Anfang an dabei ist. So setzten die Projektionsprofis 2021 anlässlich des Jubiläums „75 Jahre Demokratie in Hessen“ den Landtag in Wiesbaden in Szene, wie das Landesparlament arbeitet oder wie Demokratie im Alltag funktioniert.

Beginnend mit dynamischer Musik, rasenden Lichtern und leuchtenden Linien an den Mauern und Konturen der klassizistischen Schlossfassade entwickelte sich ein emotionaler Parforceritt durch die hessische Geschichte. Zu erleben war eine rasante Show mit historischen Schwarz-Weiß-Fotos, mit Impressionen aus dem Inneren des Gebäudes und riesigen Aufnahmen von Menschen, mit Städten und Landschaften, verknüpft mit einer zentralen Botschaft, die aus dem Off erklang: „Demokratie lebt vom Mitmachen – Demokratie sind wir alle“.

Die Entwicklung der Gebäudeprojektionen vergleicht Till Botterweck – von Haus aus Architekt – gern mit der frühen Kinogeschichte: „Am Anfang war das Kino eine Sensation. Die Menschen gingen hin und staunten, dass sie das reale Leben auf der Leinwand sehen konnten. Heute bewerten wir Kino längst nach Geschichte und Qualität der Filme.“ Beim sogenannten Projection Mapping, bei dem Gebäudefassaden oder andere Oberflächen als Leinwand dienen, sei das ähnlich. „Die Technik ist heute schon sehr verbreitet, sodass sich der Blick stärker auf die Inhalte richtet.“

Angefangen hat alles mit einer Medienwand im Bremer Steintor

Begonnen hat die Erfolgsgeschichte von Urbanscreen Mitte der Nullerjahre mit einer sogenannten Medienwand an einem Gebäude im Bremer Szeneviertel Steintor. Dort konnten Videokunstschaffende ihre Arbeiten zeigen. Kuratiert und mit eigenen Werken ergänzt wurde das Projekt von den späteren Kulturschaffenden von Urbanscreen. 2008 wurde eine eigene Firma gegründet, um architektonisch passgenaue Videoprojektionen auch in anderen Städten anbieten zu können.

In Großbuchstaben steht das Wort Demokratie als leuchtende Schrift auf dem Landtag in Wiesbaden.
Zum Jubiläum „75 Jahre Demokratie in Hessen wurde 2021 der Landtag in Wiesbaden als Projektionsfläche genutzt. © Urbanscreen

Dass Projektionen Geschichte zum Leben erwecken können, zeigte Urbanscreen bei den Feierlichkeiten zu 30 Jahren Mauerfall in Berlin. An sechs historischen Orten wurden mit Projektionen Zeitzeugenberichte, Filmsequenzen und historische Bilder zusammengeführt. So traten an einer Fassade des Humboldt-Forums, wo sich einst der Palast der Republik befand, plötzlich Honecker und Gorbatschow winkend auf den Balkon. Die Zuschauer standen genau dort, wo einst die Demonstrierenden anlässlich der Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR protestierten. Aus den Schaulustigen wurden plötzlich Mitwirkende dieser historischen Szenerie.

In Chemnitz Bürgerwünsche visualisiert

Besondere Orte – darum geht es in der Kunst von Urbanscreen. Darum, was diese Orte waren, was sie für Menschen bedeuten – oder auch darum, was aus ihnen werden kann: In Chemnitz visualisierte das Team jüngst mit Hilfe Künstlicher Intelligenz Bürgerwünsche zur Umgestaltung des Marienplatzes hinter dem Karl-Marx-Monument: „Wir interviewten 60 Menschen, von Schülern bis zum Oberbürgermeister. Die KI erstellte daraus Visualisierungen, die die vielfältigen Perspektiven reflektieren – ohne subjektiven Filter“, so Botterweck. Für solche Aufgaben setzt Urbanscreen gern Künstliche Intelligenz als nützliches Hilfsmittel ein. Die eigentliche künstlerische und dramaturgische Arbeit des Geschichtenerzählens an den jeweiligen Orten sieht Urbanscreeen jedoch nach wie vor als eine zutiefst menschliche Aufgabe an.

Majo Ussat (links) und Till Botterweck sind Geschäftsführer von Urbanscreen.
Majo Ussat (links) und Till Botterweck sind Geschäftsführer von Urbanscreen. © WFB/Lehmkühler

Projection Mapping und ortsbezogene Medieninstallationen sind jedoch nicht nur in der Lage aufzuzeigen, was Orte einst waren oder wie sie sich verändern lassen. Digitale Medieninstallationen können auch selbst Orte prägen und verändern, berichtet Botterweck. So entwickelte Urbanscreen jüngst für einen großen Bahnhofsneubau in der taiwanesischen Millionenmetropole Kaohsiung sechs Installationen, darunter eine riesige LED-Bahnhofsuhr, die neben Zeit auch Wetterdaten zeigt – ein moderner Instagram-Hotspot. Eine Orgel-Skulptur in der Halle spielt stündlich kleine Musikstücke und in einem urbanen Sound-Wald können Passanten Zeitzeugeninterviews hören und sich so emotional mit dem Ort verbinden.

Starke Bindung zu Bremen

Mit rund 20 Projekten jährlich und einem festen Kernteam von fünf Mitarbeitenden agiert Urbanscreen international, ohne die starke Bindung zu Bremen zu verlieren. Zusammen mit anderen Kreativen arbeitet das Team in den hohen Räumen einer ehemaligen Schnapsfabrik am Ufer der Kleinen Weser in der Bremer Neustadt. Till Botterweck und seine Kolleginnen und Kollegen schätzen an der Hansestadt besonders die vertrauten Netzwerke vor Ort, die kurzen Wege und die Aufgeschlossenheit für neue Ideen. „Viele Menschen hier sagen sofort: ‚coole Idee‘. Bremen ist ein Ort der Kreativität, an dem viel möglich ist.“

Weg vom bloßen Zuschauen – hin zum Selbstgestalten

So gibt es auch in der Heimatstadt ganz unterschiedliche Beispiele für die vielfältige Arbeit von Urbanscreen: Im „Denkort Bunker Valentin“, die Ruine einer U-Boot-Werft, bei deren Bau im Zweiten Weltkrieg Tausende Zwangsarbeitende eingesetzt wurden, schuf das Team eine permanente Installation. Sie kombiniert historische Fotografien mit Zeitzeugeninterviews. Und für die Stadtbibliothek entwickelte Urbanscreen eine Software, mit der Besucher via Tablet auf eine Wand malen, ihre Bilder mit Hilfe von KI in ungewohnte künstlerische Stile verwandeln und mit Geschichten kombinieren können. Solche Projekte stehen für einen weiteren Trend in der Medienkunst: weg vom bloßen Zuschauen hin zum Mitmachen und Selbstgestalten.

An der East Side Gallery brachte Urbanscreen anlässlich 30 Jahre Mauerfall 2019 den Bruderkuss zum Leuchten.
An der East Side Gallery brachte Urbanscreen anlässlich 30 Jahre Mauerfall 2019 den Bruderkuss zum Leuchten. © Urbanscreen

Aktuell arbeitet das Unternehmen mit der Bremer Straßenbahn AG zusammen: Kinderstimmen sorgen an Haltestellen für lebendige Ansagen, die zum Schmunzeln anregen und ein kleines Gemeinschaftserlebnis schaffen.

Auch entwickelt Urbanscreen zusammen mit dem Regisseur Daniel Fries am Theater Bremen ein Stück über die Mozarttrasse, ein nicht realisiertes Bremer Mammutprojekt der 1970er-Jahre, bei dem eine gigantische Autotrasse durch ein historisches Bremer Stadtviertel gebaut werden sollte. Aufgrund anhaltender Anwohnerproteste wurde das Projekt gestoppt. Das Stück ist als Stadtrundfahrt mit filmischen Projektionen konzipiert und lädt das Publikum dazu ein, an den Originalschauplätzen über Stadtentwicklung und demokratische Teilhabe zu reflektieren.

Till Botterweck (links) und Majo Ussat an einem Modell im Büro in der Alten Schnapsfabrik.
Till Botterweck (links) und Majo Ussat an einem Modell im Büro in der Alten Schnapsfabrik. © WFB/Lehmkühler

Bildmaterial:

Das Bildmaterial ist bei themengebundener Berichterstattung und unter Nennung des jeweils angegebenen Bildnachweises frei zum Abdruck.

Der Pressedienst aus dem Bundesland Bremen berichtet monatlich über Menschen und Geschichten aus dem Bundesland Bremen mit überregionaler Relevanz, herausgegeben von der WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH.

Bei den Artikeln handelt es sich nicht um Werbe- oder PR-Texte, sondern um Autorenstücke, die von Journalistinnen und Journalisten geschrieben werden. Es ist erwünscht, dass Redaktionen den Text komplett, in Auszügen oder Zitate daraus übernehmen.

Bei Fragen schreiben Sie einfach eine E-Mail an: pressedienst@bremen.de 

Teilen:

Erfolgsgeschichten


Handwerk
19.01.2026

Echtes Handwerk für den schönen Klang

Eigentlich war Benjamin Preuß 2024 nur für seinen Urlaub in Bremen. Nach einem Besuch bei Lätzsch Custom Brass ging dann alles ganz schnell: Inzwischen ist der 34-Jährige Inhaber des international renommierten Blechblasinstrumentenmachers. Warum Preuß an eine Zukunft des Handwerks glaubt.

Mehr erfahren
Pressedienst
18.12.2025

Nachhaltige Garnelen dank Künstlicher Intelligenz

Garnelen sind ein beliebtes Produkt in deutschen Supermärkten. Doch die meisten stammen aus Zuchtanlagen in Asien ohne Haltungsangaben. Forschende am Alfred-Wegener-Institut arbeiten daran, mithilfe von KI die Garnelenzucht tierfreundlicher und zugleich wirtschaftlicher zu gestalten. So könnte die Zucht auch in der EU interessanter werden.

Zur BIS Bremerhaven
Pressedienst
11.12.2025

Ertasten, woher der Schmerz kommt

In Bremen befindet sich ein bundesweit einzigartiges Fortbildungszentrum: An der Akademie für Manuelle Medizin nach Cyriax lernen Ärzte, wie sie mit den Händen Muskel- und Skeletterkrankungen ihrer Patienten erkennen und behandeln können. Leiter Dr. Götz Dimanski kommt dabei auch seine langjährige Erfahrung als Mannschaftsarzt bei Werder Bremen zugute.

Mehr erfahren