Dem Himmel so nah
LebensqualitätAussichtspunkt Metalhenge hat sich zum Besuchermagneten entwickelt
Wer auf der Autobahn 27 in Höhe der Universität Bremen unterwegs ist, dem springen die rostigen Stelen sofort ins Auge: Stehen sie doch auf einem knapp 40 Meter hohen Berg; genauer gesagt auf einem stillgelegten Teil der Blocklanddeponie. Die 25 bis zu vier Meter hohen Stelen sind kreisförmig nach astronomischen Himmelsobjekten angeordnet – als Betrachterin muss man unwillkürlich an das berühmte Bauwerk Stonehenge in England denken. Und das ist natürlich so gewollt.
Metalhenge heißt die Kunstinstallation, die der Künstler Thomas Roth aus verformten Hafenspundbohlen erschaffen hat und die am 16. Juli 2021 eröffnet wurde. Das Monument hat sich seitdem zu einer der beliebtesten Besucherattraktionen in Bremen entwickelt. Jedes Jahr erklimmen rund 30.000 Menschen den Berg, der von "Die Bremer Stadtreinigung" betrieben wird und rund um die Uhr geöffnet ist. Die Besucherinnen und Besucher können zwischen einem barrierefreien Weg und Treppenstufen wählen.
„Planetenweg“ führt zum Monument
Aber warum Kunst auf einem Müllberg? Für den Künstler Thomas Roth ist das nur folgerichtig. „Müll ist eine Kulturleistung“, sagt der 61-Jährige. „Unsere gesamte moderne Kultur läuft darauf hinaus, dass wir Abfall produzieren, der nicht als Dünger verwertet werden kann. Aber nur, wenn wir nicht mehr achtlos am Müll vorbeischauen, sondern uns mit ihm auseinandersetzen, können wir neue Ideen entwickeln, was wir alles noch mit ihm anfangen können.“ Tatsächlich ist vom Müll auf dem Berg nichts mehr zu sehen: Durch eine Grünfläche führt der barrierefreie „Planetenweg“ zum Aussichtspunkt, flankiert von Sitzbänken. Auf einzelnen Bodensteinen sind die Zeichen für Mars, Venus, Erde und Merkur eingraviert.
Die Idee zum Projekt kam Thomas Roth, als er vor 21 Jahren seinen Sperrmüll zur Deponie brachte. „Da war dieser Teil des Müllbergs noch nicht stillgelegt“, erzählt er. Er fragte spontan die Mitarbeitenden, ob er dorthin dürfe. Ihn interessierte, wie es da oben aussah. Tatsächlich fuhr ihn der damalige Deponieleiter mit dem Auto auf den Gipfel. „Ich habe dort eine Magie gespürt“, sagt Thomas Roth rückblickend. „Auf der einen Seite das Blockland mit seiner Natur, die für unsere Herkunft steht, auf der anderen Seite die Stadt mit unserer kulturellen Gegenwart als Gegenentwurf. Diesen Gegensatz auf einen Blick vor sich zu haben, fand ich unglaublich frappierend.“
Besonderer Ort: Unter ständiger Kontrolle und doch rätselhaft
Sein Vorschlag, auf dem Müllberg ein Kunstwerk zu installieren, stieß beim damaligen Deponieleiter auf offene Ohren. Schließlich sollte die Erhebung nach seiner Stilllegung renaturiert und für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Ein Werk in Anlehnung an Stonehenge bot sich für Thomas Roth an: „Ich wollte kennzeichnen, dass das hier ein besonderer Ort ist. Und Stonehenge als weltweit bekanntester Steinkreis ist sehr gut untersucht – und trotzdem rätselhaft. Darin sehe ich eine Parallele zum Müllberg: Er wird ständig kontrolliert und untersucht, aber es passieren in ihm naturwissenschaftliche Prozesse, die rätselhaft bleiben.“
Die Stelen sollten nicht einfach nur rund angeordnet werden wie Kerzen auf einer Geburtstagstorte. „Der Kreis sollte lückenhaft aussehen, vielleicht wie teilweise zerstört, unbestimmbar im Alter. Und auf jeden Fall sollte er einen Bezug zum Kosmos herstellen“, betont Roth. Allein schon wegen der Höhe bot sich ein Bezug zur Astronomie an. An dieser Stelle kam der ehemalige Leiter des Olbers-Planetariums Bremen Dieter Vornholz ins Spiel. Er war sofort von der Idee eines Monuments in Anlehnung an das archäoastronomische Stonehenge in Süd-England begeistert, wo er zu dem Zeitpunkt schon zweimal war.
Audioguide informiert die Besucher und Besucherinnen
Dieter Vornholz berechnete nach astronomischen Vorgaben die Positionen der Stelen auf dem Bremer Berg. Und so kennzeichnen die Stelen nicht nur Norden, Süden, Osten und Westen. Auch Himmelbewegungen werden nachvollziehbar: Von der Kreismitte können Besucherinnen und Besucher mit Hilfe von Löchern in den Stelen den Verlauf von Gestirnen am Himmel verfolgen. Auf dem Boden im Kreisinneren sind zudem Steine eingelassen, die für weitentfernte Regionen stehen: einer etwa für den Südpol. „Wenn man von der Kreismitte auf den Stein schaut, hat man die Perspektive durch das Erdinnere Richtung Südpol“, sagt der Astronom.
Etwas abseits des Kreises steht eine einzelne Stele. „Das ist die Sirius-Stele, für den hellsten Stern, den wir am Himmel haben“, sagt Vornholz. Ein Audioguide auf der Homepage ermöglicht es Besucherinnen und Besucher, alle astronomischen Hintergründe zu verstehen.
Wintersonnenwende lockte mehr als hundert Menschen an
Das Kunstwerk auf der höchsten künstlichen Erhebung von Bremen kann jeden Tag rund um die Uhr besichtigt werden. Beliebt sind Nächte, in denen es etwas zu sehen gibt, etwa im August 2023 zahlreiche Perseiden, die partielle Sonnenfinsternis im März 2025 oder Silvester. Auch wurden zwischen den Stelen schon Konzerte gegeben, Mode-Shootings gemacht und auf einem Lastenfahrrad gekocht.
Einmal im Jahr ist ein besonderes Schauspiel zu erleben: Am 21. Juni geht die Sonne zwischen zwei Spundbohlen im Nordwesten unter. Zur Sommersonnenwende kommen daher jedes Jahr zahlreiche Besucherinnen und Besucher, die das Spektakel erleben wollen. Dazu werden künstlerische und astronomische Vorträge angeboten. In diesem Jahr wurde am Vorabend eine geführte Meditation angeboten, rund 150 Menschen kamen. „Das war ein großer Erfolg und wird sicher wiederholt“, betont Dieter Vornholz.
Ein zweiter Termin im Jahr zieht ebenfalls viele Menschen an: die Wintersonnenwende. Auch wenn es dann natürlich deutlich kälter ist als zur Sommersonnenwende, gibt es einen Vorteil: Der Himmel ist dunkel, und im besten Falle sind zahlreiche Sterne zu sehen – so wie bei der ersten Veranstaltung nach der Eröffnung 2021: „Wir hatten den klarsten Himmel, den man sich vorstellen kann. Als die Sonne im Horizont versank, habe ich einen regelrechten Schauer bekommen“, erinnert sich Roth.
Einem Fotografen sei an dem Tag sogar gelungen, einen sogenannten grünen Strahl am Himmel festzuhalten. Bei einem solchen Farbphänomen blitzt am oberen Rand der untergehenden Sonne für einen Sekundenbruchteil ein grüner Lichtschein auf. „Den grünen Strahl sieht man extrem selten“, sagt Vornholz. Ob er bei der nächsten Wintersonnenwende wieder zu sehen sein wird, wird sich zeigen.
Der ursprüngliche Text vom 28.4.2022 wurde am 1.7.2025 aktualisiert.
Pressekontakt: Thomas Roth, Metalhenge-Künstler, E-Mail: roth@metalhenge.de
Bildmaterial:
Das Bildmaterial ist bei themengebundener Berichterstattung und unter Nennung des jeweils angegebenen Bildnachweises frei zum Abdruck.
Foto 2: Das Bremer Monument Metalhenge ist an Stonehenge in England angelehnt. © WFB/Jens Lehmkühler
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