Ein Heimathafen für Ideen
Social EntrepreneurshipWie die Hilfswerft Menschen motiviert, sozial und ökologisch zu wirtschaften
Neue Fachkräfte durch Inklusion gewinnen oder jungen Menschen neue Wege eröffnen: Die Hilfswerft versteht sich als Brücke zwischen Wirtschaft und Gesellschaft. Dafür wurde sie mit dem Bremer Sozialunternehmenspreis ausgezeichnet.
Um zu beschreiben, was die Hilfswerft macht, benutzt Fabian Oestreicher gerne eine Metapher: „Wir unterstützen kleine Ideenschiffe, die auf die raue See der Wirtschaft treffen.“ Oestreicher ist Co-Geschäftsführer bei der Hilfswerft und zuständig für Bildung im Bereich Social Entrepreneurship (also Gründungen, die sich nicht nur auf Gewinnmaximierung konzentrieren, sondern dabei Lösungen für soziale, kulturelle oder ökologische Probleme finden wollen) und Innovation. Seit mehr als zehn Jahren ebnet das Unternehmen aus Bremen anderen Betrieben, Vereinen und Start-ups den Weg zu einem besseren Verständnis für soziales und ökologisches Wirtschaften.
Schon heute gebe es tolle Beispiele im Sozialunternehmertum, wie zukunftsfähiges Wirtschaften funktionieren kann, sagt Oestreicher. Damit es künftig noch viel mehr davon gibt, bietet die Hilfswerft eine Anlaufstelle für Menschen, die durch Bildung oder politisches Engagement die Rahmenbedingungen dafür schaffen.
„Es geht um Nachhaltigkeit, Selbstwirksamkeit, berufliche Bildung und Inklusion“, sagt Oestreicher. „Wir sind überzeugt: Jede und jeder im Wirtschaftssystem kann einen positiven Beitrag zu einer gerechteren Zukunft leisten. Mit unseren Bildungsprogrammen wollen wir Menschen dazu bewegen, ihren Kompass des wirtschaftlichen Handelns neu auszurichten – hin zu einer positiven Wirkung für Natur und Gesellschaft.“
Inklusion in der Arbeitswelt verankern
Der Schwerpunkt Inklusion liegt dem Team der Hilfswerft dabei besonders am Herzen, aus dieser Motivation ist auch das derzeit größte Projekt des Sozialunternehmens entstanden: „Inklupreneur“ soll Unternehmen dazu ermutigen, Inklusionskonzepte zu entwickeln und im eigenen Betrieb umzusetzen. „Unser Ziel ist, Inklusion in der Arbeitswelt zu verankern, indem wir mehr Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderungen schaffen“, erläutert Fabian Oestreicher.
Als Berliner Modellvorhaben gestartet, wird das Programm seit 2022 auch in Bremen angeboten – finanziert durch die Senatorin für Wirtschaft, Häfen und Transformation aus Mitteln des Landes und des Europäischen Sozialfonds Plus. Durch Wissensvermittlung möchte die Hilfswerft die Unternehmen für Berührungsängste gegenüber Menschen mit Behinderung sensibilisieren. Die teilnehmenden Betriebe verpflichten sich, Stellen für diese zu schaffen. Mittlerweile ist aus dem Projekt eine eigene GmbH entstanden, die in mehreren Bundesländern Beratung anbietet.
„Es geht bei unserer Arbeit immer darum, in die Gesellschaft zu wirken“, sagt Oestreicher. Der Anfang der Hilfswerft geht auf eine Frage der Gründer Nils Dreyer, Sönke Burkert und Carsten Lessmann zurück: „Was können wir als Wirtschaftswissenschaftler tun, was uns persönlich und unsere Umwelt voranbringt?“ Nach langen und ausführlichen Diskussionen waren sich die drei Freunde einig: Soziale Unternehmensprojekte wie die Bank für Mikrokredite des nobelpreisprämierten Bangladeschers Muhammad Yunus müssten bekannter gemacht werden – und noch viel mehr Nachahmerinnen und Nachahmer finden. In ihrem BWL-Studium war es vor allem um Themen wie Nachfrage, Umsatz und Gewinn gegangen – alternative Ansätze zu Nachhaltigkeit und Wirkung in die Gesellschaft fanden sich darin nicht wieder.
Daran wollten sie etwas ändern und gründeten 2014 die Hilfswerft als gemeinnützige GmbH. Die Idee seinerzeit: Den Gedanken des gesellschaftlichen Unternehmertums in die DNA der Firmen zu bringen. In den ersten Jahren zeigten sie vor allem mit Lehraufträgen und Seminaren an Hochschulen jungen Studierenden, wie soziales Unternehmertum gelingen kann. Sie organisierten „Social Entrepreneurship Camps“ und Stammtische, wo Interessierte ihre Ideen diskutieren konnten. „Mittlerweile haben viele Hochschulen auch inspiriert durch uns eigene Formate und Angebote entwickelt. Dadurch haben wir uns in diesem Bereich selbst ein Stück weit abgeschafft“, ordnet Oestreicher die Entwicklung ein.
Finanzielle Abhängigkeit, ein typisches Spannungsfeld für Sozialunternehmen
Heute hat die Hilfswerft nicht mehr nur Unternehmen und Studierende im Blick, auch Praktikantinnen und Praktikanten und Auszubildende gehören zu ihrer Zielgruppe – so wie im Projekt WIRKcampus. „Es geht darum, die Menschen aus der Handlungsohnmacht zu bekommen. Wie erleben sie trotz den aktuell schwierigen Rahmenbedingungen ein hoffnungsvolles Gefühl durch ihr eigenes Wirken?“, berichtet Fabian Oestreicher. Im Rahmen von gemeinsamen Projekten, Bildungsarbeit und Workshops schauen sie mit den Teilnehmenden, wie sie helfen können. „Wir versuchen die Personen anhand ihrer Talente und Wünsche zu befähigen“, erläutert der Projektmanager. Auch im eigenen Team spielt Partizipation für das Sozialunternehmen aus Bremen eine große Rolle. „Wir versuchen immer auf Augenhöhe, fair und mit einem festen Wertegerüst zu agieren“, so der Co-Geschäftsführer.
Sozialunternehmen durch und durch
Als gemeinnützige GmbH reinvestiert die Hilfswerft alle Einnahmen aus öffentlichen Mitteln, Hybrid-Finanzierungen und Reselling-Verkäufen von nachhaltigen Bildungspostern in weitere Projekte, finanzielle Puffer werden nicht aufgebaut. Oestreicher: „Für uns heißt das, dass wir keine großen Gewinne mit ins nächste Jahr nehmen.“ In den Anfangsjahren habe die Hilfswerft noch marktorientierter gearbeitet, durch das Inklusionsthema gebe es nun deutlich mehr öffentliche Förderungen. „Dadurch entsteht eine größere Abhängigkeit“, gibt Oestreicher zu, ein typisches Spannungsfeld für Sozialunternehmen.
Mit dem Sozialunternehmerpreis ausgezeichnet
Trotz den Herausforderungen für sozial und ökologisch wirtschaftende Unternehmen möchte Fabian Oestreicher gemeinsam mit dem Team der Hilfswerft künftig noch mehr Menschen dazu motivieren, ihre Ideen in die Tat umzusetzen. „Mein Rat an andere wäre immer: Einfach machen, gegebenenfalls scheitern, daraus lernen.“
Für ihre unternehmerischen Leistungen im Bereich gesellschaftlicher, sozialer und ökologischer Geschäftsmodelle wurde die Hilfswerft im September 2025 zusammen mit vier weiteren Unternehmen mit dem Bremer Preis „Sozialunternehmen des Jahres“ ausgezeichnet. Diesen haben die WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH und die Senatorin für Wirtschaft, Häfen und Transformation das zweite Mal vergeben.
„Wir freuen uns sehr über die Auszeichnung und finden es toll, dass es diesen Preis gibt. Er unterstreicht den Stellenwert des Sozialunternehmertums“, sagt Fabian Oestreicher, der die treibende Kraft hinter der Bewerbung war. Eines Tages solle sich soziales Unternehmertum so weit verselbstständigt haben, dass die Werte dahinter nicht von Organisationen wie der Hilfswerft hochgehalten werden müssen, so sein Wunsch. „Von der Wirtschaft zur Wirkschaft, dann bräuchte es uns auch nicht mehr.“
Aber bis dahin arbeitet das Team aus Bremen weiter an der Förderung des sozialen Unternehmertums. Im kommenden Jahr startet mit „Start-BBW-up“ ein mit 1,4 Millionen Euro gefördertes Projekt. Mit der Initiative möchte die Hilfswerft Berufsbildungswerke, Start-ups und innovative Unternehmen zusammenbringen, um jungen Menschen mit Schwerbehinderung den Zugang zum ersten Arbeitsmarkt zu erleichtern. „Als Sozialunternehmen sind wir oft im Kleineren unterwegs, daher sind wir durch die Schaffung einiger neuer Arbeitsplätze auch in Bremen auf dieses Projekt besonders stolz“, sagt Oestreicher. „Eine soziale Innovation ‚Made in Bremen‘.“
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