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19.12.2018 - Rike Oehlerking

Köksch un Qualm – Hauswirtschaft vor 120 Jahren

Tourismus
Eine Frau beim Bügeln im Köksch un Qualm
© Rike Oehlerking

Seit zehn Jahren gibt es in Bremen-Nord in einer ehemaligen Zigarrenfabrik das Mitmachmuseum Köksch un Qualm – Plattdeutsch für „Köchin und Qualm“. Der Name ist Programm: Es geht um Hauswirtschaft und Zigarren um 1900. Endlich habe ich es geschafft, dem Museum in Burgdamm einen Besuch abzustatten. Dabei habe ich nicht nur die Angestellten des Zigarrenfabrikanten Richtering kennenlernen dürfen, sondern auch den Hausherren hoch selbst.

An einem sonnigen Herbsttag steige ich in Bremen-Burg nach zehnminütiger Fahrt vom Bremer Hauptbahnhof aus der S-Bahn und laufe etwa 1,5 Kilometer bis in die Stader Landstraße 46. Hier empfängt mich ein großes, altes Backsteingebäude, das einst das Kontorgebäude einer Zigarrenfabrik war. Auf mein Klingeln hin, öffnet sich die Tür und ein Herr im Frack und ordentlichem Zwirn macht mir auf. Er führt mich durch den Eingangsbereich eine Treppe hinab in einen kleinen Raum mit Empfangstresen. Hier ist schon einiges los, denn heute wird in den Räumen des Hauswirtschaftsmuseums ein Frühstück veranstaltet. Das Museum hat immer donnerstags seine regulären Öffnungszeiten, außerhalb dieser Zeiten können Gruppen und auch Schulklassen Extra-Termine vereinbaren. Während sich der historisch eingerichtete Salon nebenan langsam füllt, lerne ich Annika Kelm kennen. Sie ist die neue Leiterin des Museums und als einzige in heutiger Kleidung unterwegs. Am Empfangstresen stellt sie mir Zigarrenfabrikant Richtering vor, der eigentlich Torsten Szillat heißt und wie die anderen als „In-Jobber“ arbeitet.

Handarbeit in der Ausstellung
Feine Handarbeit – die Ausstellungsstücke im Museum stammen allesamt aus Spenden. © Rike Oehlerking

Das Museum ist ein Projekt des bras e.V., der arbeitssuchenden Menschen Beschäftigung in unterschiedlichen Projekten und damit Unterstützung beim (Wieder-)Eintritt ins Berufsleben bietet. Das alte Kontorgebäude war 2005 zu einem Mehrgenerationenhaus um- und ausgebaut worden. Die bras hatte sich in den unteren Räumen ein Büro eingerichtet, die damalige Leiterin kam dann schnell auf die Idee, dort ein Museum einzurichten. So wurde das Köksch un Qualm 2008 eröffnet und konnte nun im September 2018 sein zehnjähriges Bestehen feiern.

Zeitreise ins Jahr 1899

Hausherr Richtering nimmt mich mit auf einen Rundgang. Seine Gemahlin sei mal wieder in der Stadt zum Einkaufen und er müsse sich nun alleine um alles kümmern. Zum Glück sei Albert, sein Sekretär, vor Ort. Auch die Köksch Amalie sowie Waschfrau Elsa sind da und kümmern sich um den reibungslosen Ablauf der Hauswirtschaft, während mich der Zigarrenfabrikant herum führt.

Collage: Küchenutensilien in der Ausstellung
Eine Küche, wie sie um 1900 existierte. Besucherinnen und Besucher können alles ausprobieren und tauchen so in eine andere Zeit ein. © Rike Oehlerking

In der Küche zeigt mir Herr Richtering allehand praktische Utensilien und ich staune, wie einfallsreich man zu der Zeit um 1900 doch schon war. Vom Reiskocher über den stromfreien Eisschrank bis zum Waffeleisen – die Küche ist wirklich bestens ausgestattet.

Collage: Eisschrank in der Ausstellung
Der Mensch ist ein Erfinder: Dieser Eisschrank funktionierte ohne Strom. Links kam ein dicker Eisblock hinein, der dann die Kühlware etwa eine Woche lang kühlte. © Rike Oehlerking
Collage: Eine Barttasse in der Ausstellung
Das vielleicht kurioseste Ausstellungsstück: Eine Barttasse! Der Spruch darauf: Des Mannes Zierde ist der Bart, drum schütze ihn auf diese Art! © Rike Oehlerking

Die Exponate stammen übrigens alle aus Spenden von Museumsfreunden und dürfen allesamt in die Hand genommen und ausprobiert werden. Überhaupt ist zu betonen, dass es sich beim „Köksch un Qualm“ ausdrücklich um ein Mitmachmuseum handelt. Mit den Schulklassen wird im angrenzenden großen Garten oft Wäsche gewaschen oder Seife hergestellt.

Collage: Eine Weißnäherei in der Ausstellung
In der Weißnäherei wurde vom Nachthemd bis zum Hochzeitskleid alles hergestellt und geflickt. © Rike Oehlerking

Schon nach wenigen Minuten bin ich eingetaucht ins 19. Jahrhundert. Die zeitgemäße Einrichtung und die alten Gegenstände fördern meine Vorstellungskraft. Vor meinem inneren Auge sehe ich, wie so ein Alltag auf dem Anwesen der Fabrikantenfamilie ausgesehen haben muss.

Als Wäschewaschen noch harte Arbeit war

Im Salon bedienen Albert und Amalie noch die frühstückshungrigen Besucherinnen und Besucher, während ich erst einen Blick in die Weißnäherei und dann über Waschfrau Elsas Schulter werfen darf. Nachdem sie mir den Ablauf gezeigt hat, fordert sie mich auf, selbst einmal eines der Leinenhandtücher zu waschen und auf dem Reibebrett ordentlich durchzurubbeln. Das geht ganz schön auf die Knöchel, stelle ich fest. Auch Elsa bestätigt, dass die ersten Waschgänge ziemlich schmerzhaft waren, bevor sich Hornhaut bildete.

Collage: Waschen im 19. Jahrhundert
Wäsche im Wasserbad stampfen, dann rubbeln, dann in der Mangel auswringen. Echte Knochenarbeit! © Rike Oehlerking
Collage: Bügeln im 19. Jahrhundert
Bügeln mit Rollbrett oder Kohleeisen. Und wenn der Hausherr sich mal nicht zu benehmen wusste, konnte man die Bügelkeule auch anderweitig einsetzen ;) © Rike Oehlerking

Der Hausherr entführt mich aus den Wirtschafts- und Wohnräumen eine Etage höher ins Zigarrenmuseum. Hier lerne ich eine ganze Menge über die Glimmstengel, deren Produktion und über (firmen-)politische Strukturen und Arbeitsbedingungen vor rund einhundert Jahren. Allein hier in Burgdamm waren sieben Tabak- und Zigarrenfabriken ansässig. Die hiesige Ansiedlung hatte gegenüber dem stadtbremer Raum steuerliche Vorteile.

Collage: Zigarren-Produktion in der Ausstellung
Handgerollte Zigarren gab man bei selbstständigen Zigarrenrollern in Auftrag. Sie mussten einen bestimmten Tagessatz erreichen, um Lohn dafür zu bekommen. An einem kleinen Tisch wurden die Tabakblätter vorbereitet und dann der gehexelte Tabak eingerollt. In Pressen wurden die Stengel in Form gebracht, am Ende bekamen sie noch ein Etikett übergestülpt. © Rike Oehlerking

Nach unserem Ausflug in die Welt des Tabaks und der Zigarren werfe ich noch einmal einen kurzen Blick in den Frühstückssalon. Inzwischen haben die Gäste sich zu einer kleinen Führung versammelt und lauschen gespannt den lebendigen Erzählungen von Amalie und Elsa.

Collage: Das Personal im Museum
Die Köksch (Köchin) Amalie führt durch ihre Küche. Der Sekretär Albert ist unter anderem im Salon tätig. © Rike Oehlerking

Nach etwa zwei Stunden entlassen mich die alten Backsteinmauern wieder in den sonnigen Herbsttag. Auf meinem Weg zum Bahnhof brauche ich einen Moment, um wieder im 21. Jahrhundert anzukommen. Vor meinem inneren Auge sehe ich grüne Landschaften, in denen die Fabrikschlote aus rotem Stein in die Höhe ragen. An der nahegelegenen Lesum arbeiten sich die Waschfrauen durch Berge an Wäsche. Soeben ist wieder eine Tabaklieferung aus Übersee eingegangen. An seinem Fenster steht der Fabrikant Richtering in feinem Gewand und blickt über sein Anwesen – eine Zigarre zwischen den Zähnen.

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