+49 (0) 421 9600-10
10.9.2021 - Jann Raveling

Mit Sport gegen den Frust

Erfolgsgeschichten

Daniel Magel stärkt mit seiner Initiative „Hood Training“ Kinder und Jugendliche – nicht nur in Bremen

Daniel Magel hat ein Ziel: Der Gründer von Hood Training will Kindern und Jugendlichen mit Sport Stabilität und Akzeptanz beibringen.
Daniel Magel hat ein Ziel: Der Gründer von Hood Training will Kindern und Jugendlichen mit Sport Stabilität und Akzeptanz beibringen. © WFB/Focke Strangmann

Mit Sport Frust abbauen und Toleranz lernen: Beim „Hood Training“ für Kinder und Jugendliche in sozialen Brennpunkten bringt Gründer Daniel Magel seine Lebenserfahrung ein. Was in Bremen-Tenever begann, zieht mittlerweile in ganz Deutschland Kreise.

Daniel Magel tigert durch sein Büro – das eher einem Mini-Fitnessstudio ähnelt, mit Barren, Gewichten und Klimmzugstange. Still zu sitzen fällt dem 38-jährigen schwer, beim Interview steht er immer wieder auf, er will weiter, etwas machen, sich bewegen. Geradezu erleichtert wirkt er, als er zwischendurch eines seiner selbst konstruierten Geräte vorführen darf, eine Handvoll Dips am Barren, ein Klacks für ihn.

Mit Graffitis an den Wänden und Licht aus Schwarzlichtröhren ähnelt die Zentrale von „Hood Training“ eher einem hippen Szeneklub. Das ist kein Zufall – das Büro ist gleichzeitig Streaming-Studio. Von hier möchten Magel und sein Team Jugendliche auch auf ihren Handys erreichen, mit ihnen in Verbindung bleiben. Musikvideos, Graffitisessions, aber vor allem Workouts zeigen sie. „Wir ballern hier richtig“, verspricht er.

Empfohlener redaktioneller Inhalt
Wenn Sie auf "Youtube aktivieren" klicken, werden die Inhalte von Youtube geladen und Daten von Ihnen an Youtube übermittelt. Der Dienstleister befindet sich in den USA. Für die USA besteht kein angemessenes Datenschutzniveau. Sofern Sie keine Datenübermittlung wünschen, klicken Sie bitte nicht den Button. Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzinformation.
Leider ist beim laden des externen Inhalts etwas schiefgelaufen.

Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Von der Straße für die Straße

Normalerweise erreicht Magel Jugendliche da, wo sie ihre Zeit totschlagen: auf der Straße. „Wir machen Sport auf der Straße, wir machen Kunst auf der Straße. Wir sind die Straße“, sagt er. In sozialen Brennpunkten zeigt er, wie Sport die unbändige Energie der Jugendlichen in geordnete Bahnen lenken kann. Wie sie Disziplin, Respekt und Anerkennung erhalten können, dass es andere Ausdrucksformen als Gewalt gibt.

Magel weiß, wovon er spricht. Der Familienvater lebt auch noch heute in Tenever, dort, wo er aufgewachsen ist. Seine Biografie ist nicht gerade das, was man geradlinig nennt. Als er mit 13 aus einem kasachischen Dorf mit seinen Eltern nach Deutschland kam, hätten sie „Gold auf der Straße“ erwartet, erzählt er lachend. Tatsächlich erwartete ihn ein Leben in einem sozialen Brennpunkt, in dem Kriminalität und Drogen zum Bild gehörten. „Du kommst damit in Berührung, es ist alltäglich und wird normal. Entweder kommst du auf dumme Gedanken oder du machst Sport“, sagt Magel.

Mit dem Sport habe er die Kurve gekriegt. „Man hat sehr viel Energie als Jugendlicher, der eine mehr, der andere weniger. Ich hatte sehr viel Energie.“ Er fing mit Boxen an, mit Sparring, Bodenkampf und athletischen Übungen des Street Workouts. „Das hat mir Ziele gegeben. Und ich denke, die Kids heute sind nicht anders als ich damals.“

Die niedrigschwelligen, kostenfreien Angebote sind beliebt

Zwischen den Wohnhaustürmen in Tenever befindet ein kleiner Park mit Reckstangen und anderen Trainingsgeräten. Was sie hier anbieten, nennt sich Calisthenics – ein Trendsport, bei dem hauptsächlich mit dem eigenen Körpergewicht trainiert wird. Klimmzüge, Liegestütze, Seilspringen: Beim „Hood Training“ werden sie mit Elementen aus anderen Sportarten kombiniert, zum Beispiel Selbstverteidigung, Joggen, Workout. Die Angebote sind niedrigschwellig, für Jungen wie Mädchen. „Was willst du hier machen, wenn du nichts zu tun hast? Das ist eine Option für Kids, ein angeleitetes Training mit Leuten, die die gleiche Sprache sprechen.“

Die Jugendlichen bei ihren Interessen abholen

Bei Sport hört es längst nicht auf. Für die Kinder organisiert Hood Training Graffiti-Workshops, Musik-Sessions, Videolehrgänge, zeigt ihnen, wie man programmiert oder mit Holz arbeitet, um etwa eigene Fitnessgeräte zu bauen. „Wir decken alles ab, worauf die Kids Bock haben.“

Und das mit großem Erfolg. Als Magel vor zehn Jahren mit seinem Hood Training startete, konnte er sich nicht ausmalen, was daraus werden würde. An neun Orten in Bremen und im Bremer Umland bietet er regelmäßige Trainingszeiten an, in München und Berlin gibt es Außenstellen beziehungsweise Franchisenehmer, die das Erfolgsmodell „Hood Training“ auch an andere Orte der Bundesrepublik tragen.

Die ehrenamtlichen Trainerinnen und Trainer von „Hood Training“ sind an Schulen aktiv, in Freizeitzentren, sie arbeiten mit Geflüchteten oder jugendlichen Straftätern. Hinzu kommen besondere Events – wie „Streetjams“, bei denen Athletinnen und Athleten aus der Calisthenics-Szene aus ganz Europa zusammenkommen, um an öffentlichen Orten zu trainieren. Begleitet von DJs, Foodtrucks und einem großen Publikum, dass mit den Sportlerinnen und Sportlern fiebert. „Wenn die Kids diese Maschinen sehen, werden sie hungrig, die wollen das selbst machen, da steckt Power dahinter“, freut Magel sich.

Empfohlener redaktioneller Inhalt
Wenn Sie auf "Youtube aktivieren" klicken, werden die Inhalte von Youtube geladen und Daten von Ihnen an Youtube übermittelt. Der Dienstleister befindet sich in den USA. Für die USA besteht kein angemessenes Datenschutzniveau. Sofern Sie keine Datenübermittlung wünschen, klicken Sie bitte nicht den Button. Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzinformation.
Leider ist beim laden des externen Inhalts etwas schiefgelaufen.

Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Hinter allem steckt ein ausgeklügeltes pädagogisches Programm

Damit ist aber längst noch nicht getan. Die öffentlichen Sportplätze, an denen Magel seine Trainings anbietet, kommen häufig aus dem Herstellerkatalog. Kinder und Jugendliche und gerade Mädchen können aber mit diesen Geräten wenig anfangen. Um das zu illustrieren holt Magel aus der Ecke seines Büros einen Barren hervor, den er selbst entworfen hat. Statt wie üblich mit zwei parallelen Stangen führen die Holme konisch aufeinander zu. So können nicht nur breit gebaute Männer sie ideal greifen, auch Frauen und Kinder finden eine gute Position. „Wir bauen und entwerfen Fitnessgeräte und ganze Sportplätze nach unseren Vorstellungen, sind damit auch auf Messen unterwegs“, erzählt er.

Für seine Trainerinnen und Trainer organisiert Magel zudem Pädagogik-Fortbildungen, für Kinder Präventionsprojekte – wenn er aufzählt, was Hood Traning alles auf die Beine stellt, gibt es kein Ende. Schon längst kann er das Riesenprogramm nicht mehr alleine stemmen. 2019 hat sich der studierte Pädagoge mit einer gemeinnützigen GmbH selbstständig gemacht, alle Gewinne fließen wieder ins Unternehmen. Zwölf Angestellte kämpfen an seiner Seite, dazu kommen viele Ehrenamtliche, welche die Trainings durchführen.

Voller Terminkalender – das motiviert einen wie Magel

Für Magel bedeutet das: viel Organisieren, Planen, Netzwerken und im Büro sitzen. Ein Graus für den Ruhelosen. Eigentlich will er viel lieber mit den Kindern auf der Straße Klimmzüge und Liegestütze üben. Manchmal gönnt er sich den Luxus, zu den Trainings zu erscheinen, auch wenn er kaum noch Zeit dazu hat. Er will sehen, welche Fortschritte sie machen, wie sie sich entwickeln, braucht die Nähe zur Straße.

„Die Verantwortung ist viel zu groß, um Urlaub zu machen. Es gibt einen Riesenbedarf da draußen. Gerade in den Lockdowns sind so viele Programme in den Problembezirken ausgesetzt worden. Und wir erreichen die Kids, sind Vorbilder für sie. Leute, die sich durchgeboxt und im Leben was erreicht haben, die können das doch am besten vermitteln“, ist er überzeugt.

Bundesweite Aufmerksamkeit

Sein Engagement hat große Wellen geschlagen. Mehrere Bundespreise, Fernsehdokus und unzählige Zeitungsartikel sorgten in den vergangenen Jahren für Aufmerksamkeit – und Unterstützung. Denn wie viele Sozialunternehmen ist auch Hood Training auf vielfältige Finanzquellen angewiesen. Öffentliche Förderung und privaten Spenden sind eine wichtige Einkommensquelle, auch wenn das junge Unternehmen sich immer breiter aufstellt, Geld durch Auftragsarbeiten im Film- und Videobereich einnimmt oder durch die Konzeption von Sportparks.

„Wir waren fleißig hier“, sagt der Bremer mit Blick auf das Geschaffte. Darauf ausruhen will er sich nicht. Für einen Getriebenen wie ihn geht es immer nur voran – er muss sich körperlich auspowern, aber auch geistig neue Ideen umsetzen. Gerade hat er mit Bremer Studierenden eine App veröffentlicht, die alle Hood Training-Angebote und -Termine vereint. Und an einem neuen Programm „Hood Girlz“, speziell auf junge Mädchen zugeschnitten. Die nächsten Ideen stecken schon in den Startlöchern, denn eins steht fest: Es muss immer weiter gehen.

Gemeinsam für Sozialunternehmen in Bremen

Unter dem gemeinsamen Projekt “Förderung der Solidarischen Wirtschaft, Genossenschaften und Social Entrepreneurship“ vereinen sich Maßnahmen des Starthauses Bremen, der Bremerhavener Gesellschaft für Investitionsförderung und Stadtentwicklung mbH (BIS) sowie der Wirtschaftsförderung Bremen (WFB). Alle haben das gemeinsame Ziel, Bremen als Standort für Sozialunternehmen attraktiver zu machen und die Gründung sowie Ansiedlung dieser Unternehmen zu fördern. Als Teil der Regionalgruppe des Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland e.V. (SEND) engagiert sich die WFB für ein engeres Zusammenwachsen der Branche und kooperiert mit Akteuren wie dem Social Impact Lab Bremen.

Erfolgsgeschichten


BAB
03.12.2021
Forschungsprojekt mit bundesweiter Strahlkraft

Die Kläranlage Bremen-Seehausen reinigt täglich das Abwasser von über 600.000 Menschen und mehr als 1.000 Unternehmen. Dafür wird eine große Mengen Energie benötigt. Bremer Forscherinnen und Forscher suchen nun einen einzigartigen Weg, den Energiehunger der klimaneutralen Kläranlage noch weiter zu senken. Dabei treten zwei Verfahren gegeneinander an.

zur BAB
Social Entrepreneurship
02.12.2021
And the winner is … das sind die drei Bremer Sozialunternehmen des Jahres 2021

Gutes tun und wirtschaftlich arbeiten – das ist das Ziel von Sozialunternehmen. In Bremen hat die WFB jetzt erstmalig das „Sozialunternehmen des Jahres“ ausgezeichnet. Die drei Erstplatzierten im Kurzporträt.

Mehr erfahren
Erfolgsgeschichten
26.11.2021
Die Zukunft auf einen Blick

Wer nicht in den Tag leben will, muss die Zeit im Blick haben. Weltweit vertrauen Unternehmen dabei auf die Mehrmonatskalender des Bremer Herstellers Terminic. Der vor 84 Jahren entwickelte papierene Überblick über drei und mehr Monate ist auf allen Kontinenten ein Bestseller.

gut geplant ist halb gewonnen