30.3.2026 - Gastbeitrag vom Social Impact Bremen

Sozialunternehmen packen ein Problem bei der Wurzel

Social Entrepreneurship

Wie der SEND-Verband Social Entrepreneurship in Deutschland weiter stärken möchte

Portrait Susanne Krüger
Susanna Krüger leitet das Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland (SEND e.V.) © Christian Klant

Das Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland (SEND e.V.) ist der zentrale Verband für Social Entrepreneurship in Deutschland. Im Interview spricht Leiterin Susanna Krüger über den internen Wandel der Branche und die Schlüsselrolle von Sozialunternehmen für den gesellschaftlichen Fortschritt sowie die Rolle der Regionalgruppen wie die Bremer Regionalgruppe. 

 

Wie ist die Idee zur Gründung des Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschlands (SEND e.V.) entstanden – und was war der Auslöser, damals aktiv zu werden?

Susanna: SEND hat sich im Jahr 2017 gegründet. Zu dieser Zeit gab es viele einzelne Anlaufstellen für Sozialunternehmen, jedoch keine, die die Breite des sozialunternehmerischen Sektors vernetzt hat. Zudem gab es keine institutionelle Interessensvertretung, keine gemeinsame Stimme. Um das zu ändern hat sich der Sektor konsolidiert und mit einer großen Crowdfunding-Kampagne SEND gegründet.

Wie hat sich SEND seit der Gründung entwickelt – was ist heute anders als 2017?

Susanna: SEND hatte in der Gründung viele notwendige aktivistische Elemente. Die gibt es noch immer, aber wir sind gerade dabei, den Verein, der eigentlich ein Verband ist, professioneller aufzustellen. Wir haben gerade eine großangelegte Bedarfsanalyse in der gesamten Mitgliedschaft gemacht, um zu verstehen, was wir besser machen können. Dabei kam klar heraus: Wir sind gut als politische Interessenvertretung, müssen aber besser im bedarfsorientierten Angebot für unsere Mitglieder werden. Daran arbeiten wir jetzt intensiv. Darüber hinaus sind die Themen des sozialen Unternehmertums viel deutlicher auf der bundespolitischen Agenda als 2017. Das ist unter anderem der SEND-Lobbyarbeit zu verdanken und den vielen gemeinwohlorientierten Unternehmerinnen und Unternehmern, die sich jahrelang ungemein eingesetzt haben.

Was sind aktuell die wichtigsten Themen, an denen SEND arbeitet?

Susanna: Wir setzen uns für verschiedene Dinge ein! Erstens: Ein Social Impact Fonds aus nachrichtenlosen Bankkonten. Wir wollen, dass verwaistes Geld auf deutschen Konten in sozialunternehmerische Zwecke fließen kann. Das sind geschätzt 2-9 Milliarden. So ein Fonds könnte einen riesigen Beitrag dazu leisten, das Problem des passenden Wachstumskapitals für Sozialunternehmen zu lösen.

Zweitens: Wir setzten uns dafür ein, dass Gründer:innendarlehen, Stipendien und Förderungen für Start-ups um soziales Unternehmertum, das nicht nur auf Exit getrimmt ist, erweitert werden. Aber darüber hinaus auch dafür, dass passgenaue Finanzierungsinstrumente und Programme etabliert werden! Hamburg ist hier ein tolles Vorbild auf Länderebene.

Drittens: Wir wollen, dass etablierte sozialunternehmerische Organisationen, die nachweislich gesellschaftliche Wirkung haben, so finanziert werden, dass sie nicht ständig nach neuen Projektgeldern fragen müssen. Wir setzen uns für neue, wirkungsorientierte Finanzierungsformen für das Gemeinwohl ein, jenseits von klassischen Förderungen und Spenden, zum Beispiel für Outcomes basierte Finanzierungen – das heißt eine Organisation wird für ihre Wirkung bezahlt, anstatt für ihre Versprechen. 

Eine Gruppe von 56 Personen sitzt oder steht auf dem Boden eines Raumes und schaut fröhlich in die Kamera. Im Hintergrund befindet sich ein Monitor mit der Aufschrift SEND.
Gemeinsam etwas erreichen – bei der Mitgliederversammlung lernen sich auch die einzelnen Akteurinnen und Akteure von SEND besser kennen. © Anja König

„Warum ist Social Entrepreneurship für die gesellschaftliche Transformation so wichtig – und was können Sozialunternehmen, was andere nicht können?

Susanna: Soziale Unternehmerinnen und Unternehmer packen ein Problem bei der Wurzel und entwickeln dafür Lösungen. Das machen sie, ohne auf Fördertöpfe zu schauen. Und auch aus intrinsischer Motivation, ein gesellschaftliches Problem zu lösen, anstatt in erster Linie selbst von dem Unternehmen übermäßig zu profitieren. Sie tun es, weil sie handlungsorientiert und unternehmerisch agieren. Das ist das größte Plus. Es ist eine Handlungslogik, die uns auszeichnet: Wir machen und unternehmen, anstatt zu meckern.

Wie erlebst Du die Zusammenarbeit mit Politik, Verwaltung und anderen Akteur:innen – ist die Offenheit für Social Entrepreneurship in den letzten Jahren gewachsen?

Susanna: Die Offenheit ist sicherlich gewachsen, aber noch immer sind wir gefangen in unserer „Blase“, sprich: Wir kommen oft nicht heraus aus dem, wo wir eh schon sind. Wichtig wäre es, neue Zielgruppen zu erschließen, neue politische Weggefährten zu gewinnen und unser ganzes Wirken viel öffentlichkeitswirksamer zu verbreiten.

Gibt es ein konkretes Projekt oder eine Erfolgsgeschichte, auf die Sie besonders stolz sind?

Susanna: In der letzten Legislatur auf Bundesebene gab es eine Strategie der Bundesregierung für Soziale Innovationen und gemeinwohlorientiertes Unternehmertum (SIGU). Die hat viel bewirkt.

Wie können sich interessierte Sozialunternehmer:innen oder Unterstützer:innen bei SEND einbringen?

Susanna: Sozialunternehmerinnen können bei uns ordentliches Mitglied werden und sich in die Community einbringen. Die, die uns zusätzlich unterstützen wollen, können Fördermitglied werden, das geht sowohl institutionell, zum Beispiel als Stiftung, oder auch privat. Hier findest du mehr Informationen zu Mitgliedschaft bei SEND und kannst eine Mitgliedschaft beantragen. 

Ein Highlight sind zudem unsere Regionalgruppen, in denen sie sich vernetzen und für den sozialunternehmerischen Sektor engagieren können – auch in Bremen und Bremerhaven gibt es eine Regionalgruppe.  

SEND Regionalgruppe Bremen: https://www.send-ev.de/netzwerk/regionalgruppen/bremen/

Die Bremer Regionalgruppe von SEND freut sich auf Interessierte! 

Was haben Sozialunternehmen von einer Mitgliedschaft?

Neben einem aktiven Netzwerk aus über 800 Mitgliedern erwarten unsere Mitglieder Fach- und Arbeitsgruppen, vielfältige Informationen zu aktuellen Themen der Szene, Peer Coachings und Veranstaltungen. Zusätzlich winken einige Mitgliedsvorteile durch Zugang zu exklusiven Angeboten und Rabatten bei unterschiedlichen Angeboten speziell für Sozialunternehmen, z.B. dem Reflecta Fördermittelkompass.

Ein Blick nach vorn: Welche Vision hast Du für SEND – und für Social Entrepreneurship in Deutschland in fünf bis zehn Jahren?

Susanna: Ich sehe ein Deutschland und Europa, das soziale Innovationen genauso selbstverständlich wie technische Innovationen voranbringt, fördert und unterstützt. Ich sehe auch ein Deutschland, in dem Unternehmertum als wichtige Ressource für Innovation und Fortschritt mehr anerkannt und gefeiert wird. Ich sehe ein Deutschland, in dem wir über Lösungen reden anstatt Probleme. 

 

Zur Person

Susanna Krüger leitet seit 2024 die Geschäftsführung vom Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland. Vorher war sie über 20 Jahre im sozialunternehmerischen Bereich tätig: Als Unternehmerin, als Beraterin und in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. 

Vielen Dank für das Interview! 

Die WFB ist Fördermitglied beim SEND e.V. und Tamara Kassow (Projektleiterin für nachhaltige und alternative Wirtschaftsformen bei der WFB) als Regionalsprecherin regelmäßig im Austausch mit SEND. 
 
Die WFB bietet zahlreiche Formate an, um die Gemeinwohlorientierte Wirtschaft in Bremen zu stärken, u.a. Social Innovation Touren und das Format Kooperationsworkshops - Wirkungsorientierte Zusammenarbeit über Organisationsgrenzen hinweg. 2025 hat die WFB bereits zum zweiten Mal den Sozialunternehmer:innenpreis verliehen und dadurch sozialunternehmerisches Engagement in Bremen Sichtbarkeit und Anerkennung verliehen.  

Teilen:

Erfolgsgeschichten


Erfolgsgeschichten
04.03.2026

„Wir sprudeln vor Ideen, wie wir Pflege besser machen können!“

Der Notstand in der Pflege wird akuter. Zeit, Pflege neu zu denken. Hannah und Judith Burgmeier haben in Bremen die vielfältig GmbH gegründet und wollen neue Wege gehen – digitaler, professioneller und diverser. Der Gründungsstandort Bremen unterstützt sie dabei enorm.

Mehr erfahren
Social Entrepreneurship
04.02.2026

Mehr Bewegung für die psychische Gesundheit

Bewegung in die psychische Gesundheit bringen - das hat sich Mut fördern auf die Fahnen geschrieben. Mit einem Preisgewinn im Bremer Sozialunternehmenspreis 2025 sieht sich das Unternehmen auf seinem Weg bestätigt.

Mehr erfahren
Social Entrepreneurship
28.01.2026

Wie Wirtschaft gesellschaftliche Herausforderungen meistern kann

Ein neues Möbelset, nachhaltiger Umgang mit Kleidung - in den Kooperationsworkshops der WFB und des Social Impact gGmbH entstehen neue Ideen. Wie die Wirtschaft Bremens davon profitieren kann.

Mehr erfahren