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3.3.2020 - Jann Raveling

Hinter der Fassade der Bremer Böttcherstraße

Kreativwirtschaft

Film, Fotografie, Kommunikation und Marketing in einem Haus: die Medienhäuser Böttcherstraße

Robinson-Crusoe-Haus - so der Name der offizielle Böttcherstraße 1-3
Robinson-Crusoe-Haus - so der Name der offizielle Böttcherstraße 1-3 © Kinescope

Adresse: Böttcherstraße 1-3. Dort, wo die meisten Bremen-Touristen staunend vorübergehen, liegt der Lebensmittelpunkt einer kleinen Gemeinschaft kreativer Köpfe. Jedenfalls für diejenigen, die durch das Labyrinth verwinkelter Büros finden.

Treppe rauf, durch ein Büro hindurch, auf der anderen Seite wieder raus, ein schmaler Gang um die Ecke, in den nächsten Raum – wer das erste Mal durch die Medienhäuser Böttcherstraße streift, braucht einen Tourguide wie Matthias Greving. Ein paar Gänge weiter stehen wir in einem Tonstudio mit Hightech-Ausstattung, dann geht es auch schon weiter, durch Design-Büros, Design- und Filmagenturen gelangen wir auf eine Terrasse mit Blick auf dem Bremer Dom. Einige Türen später: Aussicht auf die nahe Weser in genau entgegengesetzter Richtung.

Filme und Serien aus der Böttcherstraße

Greving ist sich sicher, dass bisher jeder wieder herausgefunden hat, aber als Initiator der „Medienhäuser Böttcherstraße“ muss er so etwas vermutlich auch sagen. Der 34-Jährige leitet Kinescope Film, eine Produktionsfirma für Bewegtbild. Zu den Werken des insgesamt 16-köpfigen Teams gehören Dokumentationen, Shows, Spielfilme und Serien, die deutschland- und europaweit laufen.

Gerade arbeitet das Team etwa an einer exklusiven Dokumentation über die Popgruppe a-ha und begleitet die Musik-Ikonen auf ihrer Tournee. Ein anderes ihrer Werke haben sie direkt vor der Haustür gedreht: die Doku „Die Nordstory – Leben im Bremer Schnoor“, produziert 2019 für den Norddeutschen Rundfunk.

„Wir sind Contentproduzenten. Wir entwickeln Ideen, verkaufen sie an Sender, Streaminganbieter oder andere Partner und setzen die Produktion mithilfe von Medienschaffenden und Kreativen um“, erklärt Greving.

Vor fünf Jahren stieß er bei der Suche nach einem neuen Standort für seine damals noch junge Firma auf das Gebäude in der Böttcherstraße, den meisten bekannt als einer der touristischen Hotspots in Bremen. „Es hat sich hier richtig angefühlt und ich war überzeugt, dass die Räume anderen Kreativen ebenfalls gefallen werden“, erinnert sich der Medienprofi.

Matthias Greving, Gründer von Kinescope
Matthias Greving, Gründer von Kinescope © Kinescope

Im Herzen Bremens angekommen

Greving ist ein Mann der Tat, still herumsitzen ist nicht so sein Ding. Er trommelte Bekannte und Freunde zusammen und hatte schon bald genug Interessenten, um die Medienhäuser mit Leben zu füllen. Heute sitzen auf 600 Quadratmetern Kreative in den Bereichen Fotografie, Film, Marketing, Presse oder Design.

Eine von ihnen ist Sandra Lachmann, selbstständige Kommunikationsexpertin. Sie zog 2018 ein und genießt die kreative Atmosphäre der Häuser. „Die Bürogemeinschaft ist von unschätzbarem Wert. Es ergeben sich neue Kooperationen, gegenseitige Aufträge, aber ich kann auch einfach mal eine Frage stellen oder eine zweite Meinung einholen. Dank der Community konnte ich eine Elternzeitvertretung organisieren – was als Selbstständige vom Homeoffice aus nicht so einfach gewesen wäre.“

Weitere Bewohner sind Agenturen und Firmen wie Feinschreiber, Bureau für gutes Aussehen, IRE, bremen digitalmedia, Das Blau, image in motion, Whimsy, Asphalt Film und Cine Complete.

Alles ist im Fluss in den Medienhäusern Böttcherstraße

Neben ganzen Büros können sich Selbstständige auch einzelne Schreibtische mieten – Coworking-Plätze gibt es im ganzen Haus. „Mein Wunsch war es, dass hier ein Nehmen und Geben entsteht, dass sich die Bewohnerinnen und Bewohner gegenseitig unterstützen. Das hat sich in den vergangenen Jahren gut entwickelt“, führt Filmemacher Greving aus.

Coworking-Plätze in den Medienhäusern: Arbeiten mit Gleichgesinnten
Coworking-Plätze in den Medienhäusern: Arbeiten mit Gleichgesinnten © Kinescope

Wer in den Medienhäusern wohnt, wird zwangsläufig Teil der Gemeinschaft. Manche Büros sind nur zu erreichen, wenn man durch andere hindurchgeht. „Wie heißt es so schön? Alles ist im Fluss. Ich möchte, dass das Haus ein lebendes, atmendes Ganzes wird“, sagt Greving dazu. Touristinnen und Touristen vor der Tür, das berühmte Glockenspiel der Böttcherstraße auf den Ohren, rauchende Köpfe in den Büros – ruhig wird es den Medienhäusern nur selten.

Mehr für die Branche erreichen

Passend für jemanden wie Greving. Als wären ein eigenes Unternehmen und die Verwaltung eines Gebäudes noch nicht Arbeit genug, engagiert sich der Tausendsassa für die Medienwirtschaft. Er sitzt im Bundesverband Regie, in der Jury der Produktionsförderung der Staatsministerin für Kultur und Medien und ist Leiter des Bremer Filmfests, das 2020 bereits zum sechsten Mal stattfindet und von der Wirtschaftsförderung Bremen über die Veranstaltungsförderung unterstützt wird.

Sich für die Bremer Medienbranche zu engagieren ist ihm ein Herzensanliegen. „Bremen ist ein Medienstandort, der kaum wahrgenommen wird. Aber hier gibt es ein großes Potenzial“, sagt Greving. Dazu zählt er Initiativen wie die Pusdorf Studios mit ihrem Y-Kollektiv oder die Bremer Schnapsfabrik. „Aber das ist mir noch zu wenig. In der Bremer Filmbranche gibt es viele kleine Buden mit ein bis drei Personen. Die machen alle tolle Sachen, sind aber kaum sichtbar.“

Hanseatisches Understatement eben. „Wir könnten noch viel mehr unsere Schnittmengen nutzen. Wie hier in den Medienhäusern: Hier findest du Studios für Mixing, Sprachaufnahmen, Schnitt, Zugang zu einem Kino mit 90 Plätzen und Leute, die Ahnung von all dem haben“, so Greving.

Wirtschaftsfaktor Kreativbranche

Gemeinsam könnte die Branche so mehr erreichen. Auch deshalb ist der Filmprofi in Gremien aktiv. „Wer bessere Bedingungen in der Branche will, muss auch etwas investieren“, so seine Devise. Er träumt davon, eines Tages zum Beispiel einen eigenen Studiengang für Film in Bremen zu haben, um die Ausbildung am Standort zu stärken. „Die Kreativbranche wird als Wirtschaftsfaktor bisher zu wenig wahrgenommen. Ich möchte die Sichtbarkeit erhöhen.“

Und manchmal geht das auch mit einer Riesenfeier: Einmal im Jahr organisieren die Bewohnerinnen und Bewohner der Medienhäuser ihre „Böttcherparty“, zu der dann bis zu 500 Kreative und Gäste die Böttcherstraße bevölkern. Tage, die auch Greving genießt: „Durch meinen Job bin ich viel unterwegs, hier in Bremen bin ich aber am Liebsten, es ist einfach meine Heimat“, schließt Greving. Und dem können auch wir nichts mehr hinzufügen.

Foto Jacobj

Anke Jacobj

Die Senatorin für Wirtschaft, Arbeit und Europa

Referentin Innovation, Digitalisierung & neue Themen

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