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Sozuialunternehmen brynja - Quelle: WFB/Lüers
18.12.2023 - Jann Raveling

Im Fitnessstudio für die Psyche

Social Entrepreneurship

Halt für den Alltag: Der Verein brynja schafft Raum für Kultur und psychische Gesundheit

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Die Zahl der psychischen Erkrankungen erreicht jedes Jahr neue Rekordwerte, gleichzeitig warten viele Betroffene monate- und jahrelang auf Therapieplätze. Geht es auch anders? Hier geht brynja neue Wege – mit Angeboten, bei denen jede und jeder mitmachen kann.

Psychische Probleme sind die zweithäufigste Ursache für Krankheitstage im Beruf. Rund 25 Prozent aller Erwachsenen sind betroffen, schätzt die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e. V. Therapieangebote sind jedoch oft monatelang ausgebucht. Die Missstände sind akut und lange bekannt, aber Besserung nicht in Sicht. Da braucht es neue Ansätze.

Das dachte sich zumindest Janna Rohloff, als sie „brynja“ gründete. Den Bremer Verein verstehen sie und ihr Team als „Fitnessstudio für die Psyche“. „Wir schaffen ein niedrigschwelliges Angebot. Zu uns können alle kommen. Ein Rezept, eine Diagnose ist dafür nicht nötig. Wir unterscheiden nicht zwischen krank und gesund, denn für seine psychische Gesundheit kann man immer etwas tun“, so die 37-Jährige.

Mischung aus Kulturzentrum und Fitnessstudio für den Kopf

„brynja“ bietet ein vielfältiges Kursangebot, rund 12 bis 14 Einheiten im Monat. Gesprächsgruppen zu Migräne oder ADHS, Tanzkreise, Filmvorführungen mit Diskussionen, Therapeutisches Boxen und Faires Raufen – das Angebot ist so bunt wie die rund acht bis zehn Personen, die die jeweiligen Kleingruppen ausmachen.

„Es gibt eine Lücke zwischen medizinischen Therapien und Freizeitangeboten wie Selbsthilfegruppen, die wir füllen. Alle unsere Gruppenleiter:innen habe eine therapeutische Ausbildung, aber wir sind keine therapeutische Einrichtung. Das macht es allen leichter, zu uns zu kommen“, führt sie fort.

Janna Rohloff
brynja-Gründerin Janna Rohloff © WFB/Lüers

Eine wichtige Unterscheidung. Denn nicht jede oder jeder Betroffene will oder kann zum Arzt – oder fühlt sich so, als müsste er oder sie hin. Manchmal bestehe einfach nur Redebedarf oder der Wunsch nach Austausch. Man könne hier selbst herausfinden, was Körper und Geist gut tue, so Rohloff. Kein Druck, keine Erwartungen, dafür viel Offenheit und Verständnis. Gerne nimmt sie deshalb auch die Anregungen der Teilnehmenden auf und schafft neue Angebote.

Besondere Lebensphasen im Fokus

Rohloff ist es zudem wichtig, Kurse für Körper und Geist ins Programm aufzunehmen, beide Welten zu verbinden. „Emotionen haben auch eine körperliche Seite, die soll man hier auch erleben können. Bewegung und Sport steigern das Selbstwertgefühl, können empowernd wirken und dazu beitragen, die Grenzen von sich und anderen kennenzulernen“, ergänzt auch Konstantin Rethmann, einer von rund einem halben Dutzend Mitgliedern des Vereins, die sich um Organisation und Durchführung kümmern.

Diese sind, wie auch die Kursteilnehmenden, dabei zumeist im Erwachsenenalter. Eine Phase im Leben, die durch viele Umbrüche, durch Orientierung und der Suche nach dem eigenen Weg geprägt und daher oft auch Ursache vieler Krisen sei, so Rethmann. Hier neue Strategien und Methoden anzubieten helfe, neue Wege zu beschreiten und Perspektiven zu bieten. „Viele Menschen spüren heute einen hohen Druck beim Job oder in der Care-Arbeit, finden keine Gelegenheit, sich mit den Belastungen zu befassen. Da wollen wir im wahrsten Sinne des Wortes einen Raum bereitstellen“, führt er fort.

Niedrigschwellige Angebote haben ihren Preis

Und das alles ohne Rezept – aber nicht umsonst. Denn auch, wenn die Arbeit der Vereinsmitglieder wie auch der Kursleiter:innen auf ehrenamtlichem Engagement basiert, verursacht das Programm Kosten: Workshopräume, Materialien, Energiekosten, Marketing.

Bisher finanziert sich der Verein ausschließlich aus Spenden von Workshopteilnehmenden, die nach dem „Bezahl, was es dir wert ist“-Prinzip geben, und von weiteren Unterstützerinnen und Unterstützern. Hinzu kam Mitte 2022 eine Anfangsfinanzierung über die Crowdfundingplattform Startnext innerhalb der „Social Mission Possible!“-Förderung des Starthaus Bremen und Bremerhaven. Mit der Förderung wurden Projekte und Unternehmen bedacht, die gesellschaftliche Herausforderungen in Bremen adressieren und neue Lösungen dafür suchen.

Menschen in einer Unterhaltung
In Selbsthilfegruppen und Gesprächsrunden kommen persönliche Themen zur Sprache © WFB/Lüers

Aus ehrenamtlichem Verein ein funktionierendes Unternehmen machen

Dieses Geld allein reicht jedoch nicht, um das dauerhafte Bestehen des Projekts sicherzustellen. Der Aufbau der Strukturen und die Organisation sei mehr als nur ein Vollzeitjob, so Gründerin Rohloff, die alle Energie in ihr Projekt steckt. „Ich habe den Anspruch, dass brynja zu einem Unternehmen wird, was nachhaltig sich selbst finanziell tragen kann, damit auch die Arbeit fair bezahlt wird und wir nicht nur befristete Verträge anbieten können.“

Damit dies klappt, möchte Rohloff künftig ihr Angebot erweitern. Eine Idee: Gemeinsam mit Unternehmen im betrieblichen Gesundheitsmanagement zu arbeiten, Kurse anzubieten, die niedrigschwelligen Zugang zu Themen bieten, die viele Beschäftigte umtreibt: Ob nun Stressfaktoren und Druck im Job, Ausgleich von der Arbeit oder der Umgang mit Erkrankungen. Auch mit anderen Gesundheitsorganisationen will sie zusammenarbeiten – damit auch diese ihren Mitgliedern Angebote dort bieten können, wo zwischen Freizeitangeboten und Therapie heute noch eine Lücke klafft.

„Einfach ins Machen kommen“, nennt Rohloff es und geht damit einen Weg, der typisch für viele Sozialunternehmen ist. Am Anfang steht die Idee, das Interesse an gesellschaftlicher Veränderung, aus dem ehrenamtliches oder privates Engagement entsteht. Mit dem richtigen Geschäftssinn und einem tragfähigen Geschäftsmodell kann dann daraus ein funktionierendes Sozialunternehmen werden. Ein Weg, den Rohloff beschreiten möchte – dabei aber nie die eigentliche Mission aus den Augen verlieren will: psychische Gesundheit für jede und jeden, unkompliziert und ohne Hürden.

Allgemeine Services der WFB für Sozialunternehmen

Die WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH fördert und stärkt Sozialunternehmen in Bremen und unterstützt bereits bestehende Sozialunternehmen, die noch nicht in Bremen ansässig sind, um hier einen neuen Standort aufzubauen. Zu den Angeboten gehört Beratung rund um den Bremer Standort, das heißt zu Themen wie Ansiedlung, Standort, Personal, Marketing und Finanzierung, aber auch Vernetzung mit relevanten Bremer Organisationen, Behörden und Unternehmen.

Im Programm "Social Entrepreneur by Starthaus" unterstützt das Starthaus Bremen & Bremerhaven zudem Gründerinnen und Gründer im Bereich der Sozialunternehmen.

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