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21.1.2020 - Tim Ole Jöhnk

Briefe aus dem Silicon Valley: Januar 2020

Internationales
Eine Achterbahnfahrt durch das Hightech-Tal

Wer hoch fliegt, kann tief fallen – ist es deshalb besser, den Ball flach zu halten? Das Silicon Valley kennt darauf nur eine Antwort.

Wie die aussieht, dazu später mehr. In diesem Newsletter berichten wir außerdem von der Delegationsreise des Northern German Innovation Office (NGIO), Partner der Wirtschaftsförderung Bremen, im November 2019 und von neuen Entwicklungen in der künstlichen Intelligenz. Wollen Sie regelmäßig unsere „Briefe“ erhalten? Dann melden Sie sich hier an!

War Ikarus ein Tekki? Wework, Uber und warum manche Träume platzen müssen

Das Silicon Valley ist jede Menge Showbiz: Elon Musk, Mark Zuckerberg, Steve Jobs – Manager, die zu Ikonen wurden und für jede Menge Gesprächsstoff sorgen. Es steht für große Erfolge und noch größere Persönlichkeiten und ist immer auf der Suche nach neuen Gesichtern: SpaceX, WhatsApp, Tesla, PayPal. All diese Firmen haben uns und unsere Einschätzung dessen „was möglich ist“ verändert.

Aber nicht jede Story geht gut aus. So spektakulär die Erfolge sind, so spektakulär platzen machen Träume auch. Da ist etwa Elizabeth Holmes, die Gründerin des Gesundheitsstart-ups Theranos. Sie wollte einen revolutionären Bluttest entwickeln und wurde schon als „weibliche Steve Jobs“ gehandelt, brachte ihr Unternehmen zu einer Bewertung von neun Milliarden Dollar – bis sich herausstellte, dass der Test nicht funktionierte und Geschäftszahlen im großen Stil gefälscht wurden. Der Prozess wegen Betrugs soll Mitte 2020 starten.

Ein neueres Beispiel ist Adam Neumann, der Gründer des weltweiten Marktführers für Coworking, WeWork. Sein Unternehmen könnte stellvertretend für den „New Work“-Trend stehen: Es baut und vermietet dynamische, modern eingerichtete Büroräume, in denen Coworking und modernes Arbeiten zum Goldstandard wird. WeWork steht für ein neues Lebensgefühl bei der Arbeit, kostenlosen Kaffee, lebendige Community – das „hippe“ Silicon-Valley-Gefühl auf der ganzen Welt. Zu einem fulminanten Höhepunkt sollte die Erfolgsstory mit einem geplanten Börsengang Mitte 2019 bei einer Bewertung von 47 Milliarden Dollar kommen.

Allein – es wurde daraus nichts. Der Börsengang erforderte einen Blick in die Bücher des 2010 in New York gegründeten Unternehmens und der offenbarte: Es könnte nur noch schneller Geld vernichten, wenn es geschäftsmäßig Banken in Brand stecken würde. Bei zwei Milliarden Dollar Umsatz erwirtschaftete es 2018 1,6 Milliarden Dollar Verluste. Das ganze Ausmaß der Misswirtschaft entfaltete sich, der Börsengang wurde abgesagt, der größte Investor, die japanische Softbank, musste Milliarden nachschießen und das Unternehmen übernehmen, tausende Beschäftigte mussten gehen – ebenso wie der schillernde Gründer, Adam Neumann selbst. Mit einer 1,7 Milliarden Dollar schweren Abfindung wohlgemerkt.

Ein letztes Beispiel ist Uber. Geadelt als die „Zukunft der Mobilität“, kannte der Börsenkurs des Unternehmens seit seinem Start nur eine Richtung: bergab. Im dritten Quartal meldete der Mobilitätsdienstleister einen Verlust von sage und schreibe fünf Milliarden Dollar. Auch kein Investoren-Traum.

Sind diese Geschichten Gift für die den Gründergeist des Valleys? Natürlich schüren solche Stories Unsicherheit. Unter Beschäftigten wie auch Investoren, die Milliarden verlieren könnten. Aber diese Investoren haben zuvor auch Milliarden in Ideen gesteckt, deren Endergebnis – deren Marktfähigkeit – sie nur grob abschätzen konnten. In Deutschland und dem Valley mehren sich jetzt die Stimmen die sagen „WeWork konnte nie funktionieren – hab ich doch gleich gesagt”. Dass es nicht funktioniert hat, ist richtig. Konnte das jemand zweifelsfrei wissen? Das soll jeder für sich selbst beantworten. Wer hätte gedacht, dass etwa Google eine der weltweit größten Firmen wird, dass Kabelfernsehen von Netflix in die Ecke gedrängt wird? Es gibt genug verrückte Geschichten, die zeigen, dass das Unmögliche eben doch möglich ist, getreu nach dem Motto „Everyone knew it was impossible. Until a fool who didn’t know came along and did it.”

Diese Risikobereitschaft ist einer der größten Unterschiede zwischen Deutschland und dem Silicon Valley. Wie Saeed Amidi, CEO Plug and Play, sinngemäß sagte: Deutsche Gründerinnen und Gründer geben sich in Hinsicht auf Bewertung schneller zufrieden. Im Valley wird von den Milliarden geträumt – und wer hoch fliegt, riskiert, sich die Flügel zu verbrennen. Aber wo liegt die Grenze, ab wann wird der Platz an der Sonne zu heiß? Diese Frage ist nicht so leicht zu beantworten. Der Wille, das Risiko einzugehen – das ist der Geist des Silicon Valley.

Rückblick: Delegationsreise ins Silicon Valley
© WTSH

Ein Crashkurs in Sachen Silicon Valley erlebten die 14 Teilnehmenden der Delegationsreise des Northern German Innovation Office (NGIO) im November vergangenen Jahres. Auf der Agenda standen Besuche bei Start-ups, Hochschulen und Unternehmen mit dem Schwerpunkt Supply Chain- und Lebensmittelindustrie. Es ging dabei um nachhaltige Ersatzstoffe für tierische Lebensmittel bei den Start-ups Impossible Meat oder JUST Egg, um Partnerschaften zwischen Deutschland und den USA beim Investor Plug and Play und um die Vor- und Nachteile der kalifornischen Infrastruktur. Als kurzweiliges Reisetagebuch nachzulesen bei Johannes Hartwig, Abteilungsleiter Technologie, Tourismus und Marketing im schleswig-holsteinischen Wirtschaftsministerium.

Google blickt in den schwarzen Kasten

Künstliche Intelligenzen (KI) sind ungebremst auf dem Vormarsch – wir befinden uns ganz am Anfang eines gigantischen Veränderungsprozesses, der von KI-Technologien angestoßen wird. Das Marktforschungsinstitut Gartner schätzt, dass das durch KI-Entscheidungen ermöglichte Geschäfte weltweit 3,9 Billionen Dollar im Jahr 2022 ausmachen (rund 4 Prozent des Welt-Bruttosozialprodukts), McKinsey kommt sogar auf 13 Billionen bis 2030.

Da ist es umso erstaunlicher, dass wir im Prinzip die KI kaum verstehen: Es gibt in der Forschung das sogenannte „Black Box“-Problem. Wenn eine KI mit Daten trainiert wird, entwickelt sie daraus eigenständig ein Modell, mit dem sie später arbeitet. Wie dieses Modell zustande kommt, kann niemand nachvollziehen, weil dieser Vorgang unfassbar komplex ist. Man weiß nur, dass es am Ende funktioniert (eine genauere Erklärung in unserem Artikel „Was ist ein neuronales Netz?“).

Damit Programmiererinnen und Programmierer KIs jedoch verbessern können, benötigen sie Einblick in die internen Abläufe des Algorithmus. Dessen hat sich jetzt Google angenommen mit seiner neuen Plattform „Explainable AI“, die verschiedene Tools bereithält, um die Prozesse in der „Black Box“ besser verstehen zu können.

So möchte Google das Verständnis für KIs verbessern, es leichter machen, die Entscheidungen der Maschine nachzuvollziehen und so helfen, Vorurteile vor der „bösen KI“ abzubauen. Achja: Und natürlich auch neue Kunden gewinnen, denn gegenüber Microsofts Azure Plattform und Amazons AWS spielen die Google Cloud-Lösungen bisher nur die dritte Geige.

Explainable AI ist kein neues Konzept und wird bereits seit Jahren von verschiedenen Seiten verfolgt. Der Einstieg von Google zeigt, wie wichtig dieses Thema für Fortschritt auf dem Gebiet künstlicher Intelligenzen ist.

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Andreas Gerber

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