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17.8.2021 -

Briefe aus China: Ausgabe Sommer 2021

Internationales

Informationen und News rund um Wirtschaft und Investitionen in China


Extreme Reaktionen auf neue Coronafälle, der Siegeszug von Fleischalternativen und Geschäftschancen für deutsche Unternehmen aus der Umweltbranche – mehr dazu in unserem China-Brief.

Aus Shanghai berichtet Wang Lu, Direktorin unseres Bremeninvest-Büros, und gibt uns alle vier Monate einen Überblick über Trends, Chancen und neue Entwicklungen im Land. Wenn Sie diesen Länderbrief regelmäßig als Newsletter erhalten möchten, melden Sie sich gern hier an.

Aktuelles aus China im Sommer 2021:

Zhejiang – wo der weltweite Konsum seinen Anfang nimmt
Blick auf Ningbo - eine von 11 Millionenstädten in der Provinz Zhejiang
Blick auf Ningbo - eine von 11 Millionenstädten in der Provinz Zhejiang © pixybay

Im Zuge der Coronakrise machte im August 2021 die Hafenstadt Ningbo Schlagzeilen: Wegen eines einzelnen Coronafalls wurde ein Großteil des Hafenbetriebs eingestellt. Als drittgrößter Hafen der Welt mit einem Umschlagvolumen von jährlich 27 Millionen TEU (Containereinheiten) eine Entscheidung, die sich auf die Weltwirtschaft als Ganzes auswirkt.

Aber warum ist Ningbo so wichtig geworden – eine Stadt, von der die wenigsten Deutschen bisher gehört haben? Ningbo liegt strategisch günstig, einerseits durch die direkte Nähe zu Shanghai, andererseits als Exporthafen eines der wichtigsten ökonomischen Zentren des Landes: die Provinz Zhejiang. Nicht größer als Island, beherbergt die Provinz im Osten des Landes 64 Millionen Einwohner und hat damit eine hohe Bevölkerungsdichte, die durch die hügelige Geographie noch verstärkt wird: Täler und küstennahe Flachebenen sind dicht bebaut.

Zhejiang ist das chinesische Zentrum für Leichtindustrie und die Provinz mit dem vierthöchsten Bruttoinlandsprodukt. Von hier kommen Schuhe und Textilien, Elektro-Haushalts- und Kleingeräte, Kunststoffe und Konsumgüter aller Art. Weitere wichtige Branchen sind Chemie und Baumaterialien. Viele der Unternehmen sind mittelständisch geprägt – ein Resultat der Wirtschaftsgeschichte. Schon zu Kolonialzeiten entstanden hier erste Betriebe, die sich durch die Revolution hielten und sich mit der Öffnung Chinas in der Poleposition für schnelles Wachstum befanden. Denn wie in anderen ostasiatischen Staaten auch, eignete sich besonders die Konsumgüter-Exportindustrie, um schnell für ein großes Wirtschaftswachstum zu sorgen.

Neben der „Schuh-Stadt“ Wenzhou mit ihren rund 1,5 Milliarden jährlich produzierten Paaren zählt auch die inländisch gelegene Handelsstadt Yiwu zu den wichtigen Kommerzzentren der Provinz. Hier liegt das größte Großhandelseinkaufszentrum der Welt, das mehr als 70.000 Shops auf einer Fläche von rund 70 Fußballfeldern beherbergt. Die Stadt hat ein multikulturelles Flair, viele internationale Händlerinnen und Händler haben sich hier niedergelassen. Yiwu ist zugleich ein zentrales Logistikzentrum im Rahmen der One-Belt-One-Road-Initiative – von hier starten viele Züge auf der neuen Seidenstraße in Richtung Westen.

Durch ihre Bedeutung für den internationalen Handel ist Zhejiang beliebte Destination für ausländische Investitionen. Die Provinz verfügt über hervorragende Infrastruktur und zahlreiche Sonderwirtschafts- oder Freihandelszonen, die Firmen aus dem Ausland anziehen sollen.

Corona wieder auf dem Vormarsch – China schottet ab
China greift zu harten Maßnahmen, um Coronafälle einzudämmen
China greift zu harten Maßnahmen, um Coronafälle einzudämmen © pixabay

Nach dem Ausbruch der Delta-Variante des Coronavirus in Nanjing und der Verbreitung in weiteren Provinzen gehen Teile des Landes wieder in einen harten Lockdown: angeordnete Massentests, Reisebeschränkungen, geschlossene öffentliche Gebäude und touristische Attraktionen und verschobener Semesterbeginn gehören für viele Chinesinnen und Chinesen wieder zur Normalität. Und das bei äußerst geringen Fallzahlen in zwei- oder niedriger dreistelliger Höhe (absolute Zahlen, keine Inzidenzwerte!). In Städten wie Guangzhou entstehen Quarantänezentren mit 5.000 Einzelkabinen.

China verfolgt damit weiter seine strikte „Zero-Cases“-Politik mit harten Einschnitten der Bevölkerung und der Wirtschaft gegenüber. Das wiederum hat Folgen für die Weltwirtschaft (siehe vorherigen Punkt)

Westliche Unternehmen im Chinageschäft haben sich schon seit langem auf die Reisebeschränkungen eingestellt, die eine Geschäftsreise praktisch unmöglich machen. Mindestens 14 Tage Quarantäne + 7 Tage Gesundheitsüberwachung für ausländische Einreisende dürften die meisten abschrecken – was ja auch Ziel ist. Nach Ansicht einiger Fachleute kann diese Reisebeschränkung noch eine ganze Weile dauern, manche sehen Lockerungen erst in der zweiten Hälfte des Jahres 2022. Denn die Impfkampagne geht in China langsam voran, der landeseigene Impfstoff Sinovac ist weniger potent als westliche Äquivalente und Herdenimmunität ist das Ziel – die derzeit bei einer Impfrate von 85 Prozent erreicht werden soll.

Laut der Bundes-Wirtschaftsförderung GTAI lässt sich die restriktive Politik auch mit der Stärkung einheimischer Märkte verbinden – ein erklärtes Ziel des aktuellen Fünfjahresplans. Einheimische Firmen haben nun Standortvorteile gegenüber westlichen Konkurrenten, die kein eigenes Personal an ihre chinesischen Standorte oder zu Messeteilnahmen senden können, was die Position der einheimischen Wirtschaft stärkt.

Deutsche Unternehmen als Kooperationspartner in der Umwelttechnik gesucht
Umwelttechnik und Energieeffizienz sind in China gefragt
Umwelttechnik und Energieeffizienz sind in China gefragt © pixabay

In den chinesischen Markt einzusteigen ist längst kein Kinderspiel mehr. Unternehmen sehen sich vielen Unbekannten gegenüber: Vorlieben, sozialen Gepflogenheiten, Zugangskanälen, Absatzmärkten – all das in einem riesigen Land und mit einer einheimischen Konkurrenz, die in vielen Bereichen auf Weltklasseniveau arbeitet.

Um einen ersten, zielgerichteten Zugang zum chinesischen Markt zu erhalten, kann sich deshalb der Weg über Kooperationen mit lokalen Unternehmen und Investitionsförderungen lohnen. Einen solchen Zugang bietet die China International Investment Promotion Agency (CIIPA), die Außenwirtschaftsförderungsgesellschaft der Volksrepublik.

Aktuell baut die CIIPA zum Beispiel eine Arbeitsgruppe im Bereich Umwelttechnik, Abfallwirtschaft und Energieeffizienz auf. In dieser Arbeitsgruppe sitzen Vertreterinnen und Vertreter lokaler chinesischer Verwaltungen und Wirtschaftsparks, deutsche Wirtschaftsförderungen, Universitäten und Forschungseinrichtungen sowie Unternehmen aus Deutschland und China. Unternehmen profitieren von einer kostenlosen Mitgliedschaft in der Arbeitsgruppe: Neben jährlichen Events wie Fachkongressen und Matchmaking-Treffen initiiert die CIIPA Kooperationen zwischen interessierten Mitgliedern, koordiniert Anfragen und Bedarfe und führt eine gemeinsame Datenbank.

Interessierte Unternehmen können sich bei Shirley Liang, Head of Public Relations, shuanglin.liang@ciipa.de melden.

Neben der neuen Arbeitsgruppe Umwelttechnik können sich Unternehmen auch bestehenden Arbeitsgruppen zu den Themen Smart Manufacturing, Automotive und Medizintechnik anschließen.

Fleischalternativen – auch in China auf dem Weg zum Erfolg?
Eines der neuen chinesischen Start-ups im Sektor der Fleischalternativen: Starfield
Eines der neuen chinesischen Start-ups im Sektor der Fleischalternativen: Starfield © Starfield

In unserem vergangenen Brief aus dem Silicon Valley haben wir über den weltweiten Boom bei Fleischalternativen geschrieben. Auch vor China macht diese Entwicklung nicht halt – wenn auch mit etwas anderen Ausprägungen.

Im Westen finden Fleisch- und Fischalternativen vor allem Anklang in verarbeitenden Fertiggerichten – sei es in Form von Chickennuggets, Hamburger-Bratlingen, Fischstäbchen, Geschnetzeltem oder ähnlichem. In diesen Gerichten kommen Fleisch in zerkleinerter und oft kräftig gewürzter Form vor, was den pflanzenbasierten Ersatz deutlich einfacher macht als die Nachahmung von unverarbeitetem Fleisch in Form von Steaks oder Fischfilets.

Diese Fastfood-Gerichte finden zwar auch Anklang bei Chinesinnen und Chinesen, sind aber nicht Teil des alltäglichen Speiseplans. Die chinesische Küche mit ihrer Vielzahl an Garmethoden von Dämpfen, Braten, Frittieren bis hin zum Pfannenrühren stellt an Ersatzprodukte hohe Ansprüche. Hinzukommt, dass eigene Fleischalternativen – etwa in Form von Tofu – eine lange Tradition haben und neue Produkte so auf Konkurrenz treffen.

Unternehmen haben deshalb mit ihren Produkten bisher den Zugang in China entweder in Form von Kooperationen mit Restaurant-Ketten gesucht oder durch den Vertrieb westlich orientierter Fertiggerichte, die natürlich auch in China ihren Absatz finden. So hat der US-Foodriese Cargill mit PlantEver eine chinesische Marke auf den Markt gebracht, die mit Chickennuggets und Pattys gestartet ist. Das Start-up Beyond Meat startete mit einer Kooperation mit Starbucks, bevor es eigene Produkte in die Supermarktregale brachte.

Gleichzeitig wächst die inländische Konkurrenz. Chinesische Marken wie Omnifoods oder Starfield entwickeln eigene Proteinalternativen, die geschmacklich näher an traditionell asiatischen Speisen liegen wollen. Beide Unternehmen bieten veganes Hackfleisch an, dass sich für Fleischbällchen, Wokgerichte oder als Füllung für Dim Sum eignen soll.

Für beide Ansätze ist der Weg bis in den breiten Markt noch weit und Konsumentinnen und Konsumenten reagieren vorsichtig – Chancen liegen vor allem in den großen Städten mit ihrem Neuen gegenüber eher aufgeschlossenem Publikum. Neben Geschmack und Textur ist zudem der Preis ein wichtiger Entscheidungsfaktor: Die oft sehr hohen Preise gegenüber dem Original schrecken Konsumierende ab.

Um neue Zielgruppen zu gewinnen, suchen manche Produzenten daher die Nähe zu Influencerinnen und Influencern und TV-Bekanntheiten – ein aussichtsreicher Weg, denn über Social Media lassen sich in China viele Konsumentinnen und Konsumenten erreichen.

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