Von Rollern und Rollen – 100 Jahre reimer logistics in Bremen
Maritime Wirtschaft und LogistikLogistik-Spezialist nutzt den Gewerbepark Hansalinie für internationales Geschäft
Familienfeier statt Gala-Empfang - mit dem Fest zum 100-jährigen Bestehen hat reimer logistics das Selbstverständnis als bodenständiger Mittelständler betont. Mit unternehmerischem Weitblick und Innovationsgeist hat sich das Unternehmen vom Speditionsbetrieb zum leistungsfähigen Bremer Logistik-Dienstleister in einem Nischenmarkt entwickelt.
Das Firmengelände im Bremer Gewerbepark Hansalinie besticht schon allein durch seine Dimensionen. Der Hallenkomplex umfasst in zwei Bauabschnitten jeweils 20.000 Quadratmeter Lager- und Logistikfläche. Zwei weitere Hallen mit einer Fläche von jeweils gut 18.000 Quadratmetern schließen sich an; derzeit sind sie an einen Logistikdienstleister aus der Automotive-Branche verpachtet.
Das Potenzial des insgesamt 120.000 Quadratmeter großen Areals – so groß wie drei Weserstadien – an der Europaallee ist damit allerdings noch nicht erschöpft: „Wenn es der Bedarf erfordert, können wir noch weitere 10.000 Quadratmeter Logistikfläche schaffen“, sagt Heike Nickel. „Wir“ - das ist das von ihr und Marc Soupart geführte Unternehmen reimer logistics. Angesichts der Dimensionen der 2019 und 2020 geschaffenen neuen Firmenzentrale ist es nur schwer vorstellbar, dass die Geschichte dieses Mittelständlers mit 250 Beschäftigten vor 100 Jahren mit einem kleinen Lastwagen und der Bremer Warenverteilungs-Gesellschaft BWG begann. „Spediteure sind es gewohnt, den Interessen ihrer Kunden zu folgen und sich ständig weiterzuentwickeln“, fasst Heike Nickel die Motivation für den grundlegenden Wandel vor allem in den vergangenen zwei Jahrzehnten zusammen. Bundesweit ist reimer logistics an fünf Standorten aktiv; die größte Niederlassung ist die Dependance im hessischen Malsfeld mit mittlerweile 90.000 Quadratmetern Hallenfläche.
Ähnlich wie viele andere Logistikdienstleister in der Hansestadt hat auch reimer logistics in seinen Ursprüngen einen engen Bezug zum Hafengeschehen an der Weser. Anfangs stand der Transport von in Bremen ankommenden Lebensmitteln zum Handel im Mittelpunkt der Firmenaktivitäten. „Im Grunde nahm die alte BWG eine ähnliche Verteilfunktion wahr wie der Großmarkt“, sagt Heike Nickel über die Firmengeschichte. Der Warentransport per Lkw oder Bahn gehörte über Jahrzehnte zu den Schwerpunkten des Unternehmens - ältere Bremer erinnern sich mit Sicherheit noch an die orangefarbenen Lastwagen der Spedition Reimer BWG.
Von der Warenverteilung zum Anbieter logistischer Komplettlösungen
Spätestens mit dem Generationswechsel im Unternehmen Ende der 1980er Jahre verstärkte sich die Entwicklung der Firma zum Anbieter von logistischen Komplettlösungen. Als eine seiner ersten Entscheidungen ließ Simon Reimer, der Enkel des Firmengründers, 1989 am damaligen Firmenstandort gleich neben dem Kellogs-Gelände im Europahafen ein vollautomatisches Hochregallager bauen. Während in den Hallen nebenan noch Lebensmittel - unter anderem Importe für den Bremer Gewürzhersteller Ubena - gelagert, konfektioniert und versendet wurden, stapelten sich im Neubau die damals stark gefragten Motorroller des italienischen Herstellers Piaggio. Reimer war es gelungen, das gesamte Handling der beliebten Vespas vom Import aus Italien bis zur Verteilung an 1500 Händler in Deutschland an seine Firma zu binden.
Dass die Roller-Welle ein paar Jahre später abebbte, stellte das Unternehmen unerwartet vor eine Herausforderung: Die Regalböden waren mit einem Abstand von 1,50 Meter auf die Vespa-Maße zugeschnitten und zunächst für nichts anderes zu gebrauchen. Reimer nahm es offenbar gelassen: „Ein Mittelständler kommt bei einer solch großen Investition nie ohne Alternativplan aus", erklärte er im Jahr 2000 in einem Zeitungsinterview zum 75-jährigen Bestehen der Firma. Sein damaliger Plan B war einfach: Er ließ die Abstände im Regal auf 2,20 Meter vergrößern und schuf so Platz für Europaletten und damit für Waren aller Art.
Schon frühzeitig das Potenzial moderner Datenverarbeitung erkannt
Reimers Weichenstellungen prägen bis heute das Unternehmen. Beispielsweise ließ er für reimer logistics - so heißt die Firma seit 2013 - frühzeitig Datenverarbeitungssysteme entwickeln, die alle Abläufe steuern und sich als weiteren Vorteil mit den Warenwirtschaftssystemen der Kunden verknüpfen lassen. Wenige Monate vor seinem Tod 2019 holte Simon Reimer Heike Nickel in die Geschäftsführung, die das Unternehmen anschließend zunächst allein und seit 2022 gemeinsam mit Marc Soupart führt. Nickel arbeitet bereits seit 2011 im Unternehmen und hat alle entscheidenden Neuentwicklungen zum heutigen Unternehmen begleitet. Soupart leitet seit 2016 mit der Niederlassung im hessischen Malsfeld den größten unter den fünf Reimer-Standorten. Heike Nickel kommt ursprünglich aus der Pharma- und Chemie-Industrie; Marc Soupart gilt als Vollblut-Logistiker. In dieser Konstellation ist die Doppelspitze exakt auf die aktuelle Marktpositionierung und deren behutsamen Weiterentwicklung ausgerichtet: „Mit unseren Logistiklösungen für die Pharma- und die Chemie-Industrie haben wir uns erfolgreich in einem Nischenmarkt etabliert, der ein ganz besonderes Know-how erfordert“, sagt Heike Nickel.
Dass Transport und Logistik für chemische und pharmazeutische Rohwaren und Produkte besondere Lösungen erfordern, wird beispielhaft am Standort Bremen deutlich. Neben dem für beide Branchen notwendigen Spezialwissen beispielsweise über nationale und internationale gesetzliche Vorschriften, über das Gefahrgut-Handling sowie über den Umgang mit den einzelnen Rohstoffen und Fertigprodukten verfügt reimer logistics auch über die notwendige Gebäudeausstattung. Dazu zählen unter anderem 1900 Gefahrstoff-Stellplätze unter anderem für entzündbare Flüssigkeiten sowie die Anerkennung des Betriebes nach den Bestimmungen der Störfallverordnung und des Bundes-Immissionsschutz-Gesetzes. Die entsprechenden Genehmigungen zu bekommen und die erforderlichen Prüfungen für solche Anlagen und Tätigkeiten zu bestehen, setzt großes Know-how voraus und gilt trotzdem bundesweit als nicht einfach: „Hier in Bremen haben uns die Behörden und die Wirtschaftsförderung hervorragend zur Seite gestanden“, zollt Heike Nickel der WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH und den senatorischen Dienststellen Respekt.
Erstes nicht-automotives Unternehmen an der „Hansalinie“
Beinahe hätte das traditionsreiche Familienunternehmen einige Jahre vor dem Jubiläum den Standort Bremen verlassen. „Als unser alter Standort im Europahafen zu klein wurde und keine Expansionsmöglichkeiten bot, konnten wir zunächst keine geeignete neue Fläche in Bremen finden“, erinnert sich Heike Nickel. Schweren Herzens schaute sich die Unternehmensführung schließlich sogar in den benachbarten niedersächsischen Kommunen nach Alternativen um. „Die WFB hat sich schließlich dafür stark gemacht, dass wir den Platz hier an der Hansalinie bekommen haben.“ Die Entscheidung unterstreicht die Bedeutung von reimer logistics für den Wirtschaftsstandort Bremen: Zu der Zeit war das Gewerbegebiet wegen seiner Nähe zum Mercedes-Werk in Bremen eigentlich für Unternehmen aus dem Bereich Automotive konzipiert. Reimer war die erste Firma ohne Aktivitäten im Automobilbereich.
Umfassende Dienstleistungen für die Pharma- und Chemieindustrie
Im Ergebnis kann reimer logistics den Kunden umfassende Leistungen bieten, die große Logistikanbieter für die Chemie- und Pharmaindustrie nur selten vorhalten und dies wegen des besonderen Aufwandes auch oft gar nicht anbieten wollen: Die Bandbreite reicht - wie auch im Angebot für andere Branchen - von der Abwicklung der Transporte über die Lagerung bis zum Kommissionieren, Veredeln, Probenziehen, Verpacken, Wiegen einschließlich Etikettierung. Offenkundig wissen die Kunden diese Bandbreite und die Qualität der Leistung zu schätzen: „Mit dem Pharmaunternehmen B Braun arbeiten wir am Standort Malsfeld schon seit mehr als 30 Jahren sehr eng zusammen“, sagt Heike Nickel über ein wichtiges Kunden-Beispiel.
Trotz des seit Jahrzehnten anhaltenden Erfolges ist reimer logistics seinem Ursprung treu geblieben: „Wir sind und bleiben ein Familienunternehmen“, betont Heike Nickel, „auch wenn die Inhaberfamilie nicht ins Tagesgeschäft involviert ist.“ Sichtbar wurde dies jedoch unter anderem bei der Feier zum 100-jährigen Bestehen der Firma. „Wir haben bewusst auf einen großen Festakt mit offiziellen Gästen und Reden verzichtet“, sagt die Geschäftsführerin. Stattdessen wurden die Beschäftigten und ihre Angehörigen zu einem fröhlichen Betriebsfest auf dem Firmengelände eingeladen: „Dass auch viele Ehemalige dieser Einladung gefolgt sind, hat mich besonders gefreut“, so Nickel.
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