26.5.2026 - Mona Fendri

Visionskultur in Bremen: Hotspot für Start-ups, Kreative und neue Ideen

Innenstadt im Wandel

Zwischennutzung in der Bremer Innenstadt: Ein Ort für Gründung, Community und Austausch

Visionskultur Bürgerservicecenter Außenansicht
Eröffnung von Visionskultur im ehemaligen Bürgerservicecenter Mitte. © Visionskultur/Philipp Eigner

Wer an einem schönen Nachmittag durch die Pelzerstraße in der Bremer Innenstadt läuft, ahnt zunächst nicht, was sich hinter den Türen des ehemaligen Bürgerservice-Centers Mitte verändert hat. Dort, wo bis vor Kurzem noch Pässe und Ausweise ausgestellt wurden, kommt nun die Bremer Gründer:innen- und Kreativszene zusammen.  

Im Erdgeschoss lädt ein gemütliches Café zum Austausch ein, im ersten Stock entstehen bei Brainstormings neue Projekte, nebenan wird im Podcast-Raum aufgenommen. Visionskultur hat im früheren Bürgerservice-Center seine neue Zwischennutzung eröffnet – und zeigt, wie leerstehende Gebäude zu Orten für Innovation, Begegnung und Gründung werden können. 

Community, Coworking und Ideenschmiede mitten in Bremen 

Im Erdgeschoss des neuen Standorts von Visionskultur geht es lebendig zu. Menschen sitzen an Computern, diskutieren Konzepte und werden fröhlich von Bürohündin Nala begrüßt. Eine Etage höher arbeiten Gruppen zusammen und entwickeln neue Projekte. 

Die Idee dazu entstand bereits vor rund zehn Jahren. „Nach meinem Studium habe ich festgestellt: Es gibt in Bremen sehr viele Möglichkeiten zu gründen und in diesem Bereich aktiv zu werden“, erzählt Geschäftsführer Hachem Gharbi. „Aber es gab keine Angebote, um in eine Community zu gehen und zu sehen, ob die eigene Idee überhaupt marktfähig ist.“ 

2019 startete Gharbi gemeinsam mit seinem Mitgründer Marc Fucke Visionskultur zunächst im ehemaligen Bundeswehrhochhaus in der Falkenstraße. Die beiden entwickelten ein Konzept, das Räume nicht als Selbstzweck versteht. „Räume anzubieten ist nicht unser Kernpunkt“, erklärt Gharbi. „Wir fördern Menschen, damit sie ihre Ideen realisieren können.“ Dazu gehören Workshops, Coachings, Netzwerkveranstaltungen, externe Expert:innen – und vor allem eine aktive Community. Inzwischen besteht das Kernteam aus rund 20 Personen. 

Von der Idee zum Projekt: Wie Visionskultur Gründer:innen unterstützt 

Wer Teil von Visionskultur werden möchte, bewirbt sich mit einer Idee. Entscheidend sei dabei weniger der perfekte Businessplan als das Entwicklungspotenzial. „Man muss eine Idee haben, die sich entwickeln lässt“, erklärt Gharbi. „Das ist eigentlich unser Hauptkriterium.“ Gleichzeitig müsse verstanden werden, wofür Visionskultur steht: Austausch, Standortförderung und gegenseitige Unterstützung. Der Community-Gedanke spielt dabei eine zentrale Rolle. Mitglieder beteiligen sich an Projekten und bringen eigenes Wissen ein. „Man muss sich Gedanken machen: Was gebe ich zurück?“, sagt Gharbi.

Menschen stehen um einen Tisch herum. Im Vordergrund sind Mikrophone zu sehen.
Wer Teil der Community ist, hat Zugriff auf die Räumlichkeiten und Equipment von Visionskultur. © Visionskultur/Philipp Eigner

Die Bandbreite der Projekte ist groß. „Wir haben alles Mögliche: von Handwerksprojekten bis hin zu Raketenherstellern“, freut sich Gharbi. Inzwischen zählt die Community rund 350 Projekte und etwa 2.000 Menschen. Dass dieses Prinzip funktioniert, zeigt sich für ihn vor allem an den Entwicklungen einzelner Projekte. Er erzählt zum Beispiel vom ehemaligen Versicherungsmakler Akin Ogurol, der zunächst ein digitales Versicherungsmodell entwickelte und später eine Krypto-Bank gründete. Heute arbeitet er laut Gharbi mit seinem Unternehmen QBS AG an einer Versicherungslösung im Bereich Krypto. Ein anderes Beispiel ist das Projekt Bagfood rund um herzhafte Riegel: Aus der ursprünglichen Produktidee entwickelte sich mit der Zeit ein erfolgreicher Vertriebsansatz, der inzwischen auch für andere Unternehmen funktioniert. 

Ein weiteres Projekt entstand aus einer konkreten Marktlücke rund um alte Heizungsgeräte. Aus der Community heraus entwickelte sich ein Dienstleistungsunternehmen, das sich mit der Entfernung und Verwertung alter Heiztechnik im Zuge des Umstiegs auf neue Systeme beschäftigt. Für Gharbi sind genau solche Entwicklungen ein Beleg dafür, warum ein unterstützendes Umfeld wichtig ist: Ideen verändern sich, werden getestet, verworfen, neu gedacht – und können dadurch wachsen. 

Gründung in Bremen: Community statt Konkurrenz 

Was Visionskultur antreibt, ist letztlich weniger das einzelne Start-up als die Idee einer funktionierenden Gemeinschaft. Die Community reicht inzwischen weit über Bremen hinaus. Mitglieder kommen aus Berlin, den Niederlanden oder sogar der Schweiz. Manche seien extra wegen Visionskultur nach Bremen gezogen. 

Gleichzeitig versteht sich Visionskultur nicht als Konkurrenz zu bestehenden Gründungsangeboten. Vielmehr gehe es darum, Lücken zu schließen und Menschen miteinander zu verbinden. Dafür arbeitet das Team mit Hochschulen, Institutionen, Unternehmen und Vereinen zusammen. Besonders wichtig sei dabei Diversität. In der Community seien unterschiedlichste kulturelle Hintergründe vertreten – von marokkanischen bis koreanischen Netzwerken. Für Bremen sieht er darin eine große Chance, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch gesellschaftlich. Kreative Orte wie Visionskultur könnten helfen, Fachkräfte anzuziehen, internationale Perspektiven einzubinden und neue Formen des Zusammenarbeitens sichtbar zu machen. Oder wie Gharbi es formuliert: „Ich arbeite dafür, dass ich nicht mehr gebraucht werde.“

Blick von oben auf ein Networking-Event bei Visionskultur
Austausch und Vernetzung unter Gründer:innen sin wichtige Bestandteile des Angebots von Visionskultur. © Visionskultur/Philipp Eigner

Warum die Bremer Innenstadt der richtige Standort ist 

Nach mehreren Zwischennutzungen – etwa im Bundeswehrhochhaus in der Falkenstraße oder im ehemaligen Klinikum Mitte – ist Visionskultur nun mitten in der Bremer Innenstadt angekommen. Die zentrale Lage sei entscheidend für Sichtbarkeit, spontane Begegnungen und neue Kooperationen. „Die Verbindungswege sind einfach anders“, sagt Gharbi. Handelskammer, Unternehmen, Verwaltung – vieles liege nun in direkter Nähe. 

Auch mit der WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH steht Visionskultur im Austausch. Gharbi beschreibt die Gespräche als sehr positiv und sieht konkrete Anknüpfungspunkte, etwa bei der Frage, wie Erdgeschossflächen in der Innenstadt neu belebt werden können. Denkbar seien gemeinsame Formate, bei denen Projekte aus der Gemeinschaft sichtbar gemacht werden – beispielsweise mit Videos, Ausstellungen oder temporären Nutzungen. Gerade die Verbindung aus Community, Standortentwicklung und praktischer Umsetzung könne dabei helfen, neue Perspektiven auf leerstehende Flächen zu eröffnen. Auch WFB-Projektleiterin Karin Take freut sich über die Entwicklung von Visionskultur: „    Es ist toll zu sehen, wie positiv sich das Ganze entwickelt hat und wie groß die Community inzwischen ist und Visionskultur ist für viele Bremer Akteur:innen ein Ansprechpartner auf Augenhöhe geworden (was sicherlich nicht so leicht war) und wir freuen uns riesig, dass sie nun so sichtbar in der Innenstadt agieren können und hoffen, dass bald ein neues Zuhause gefunden wird.“ 

Vor allem aber sieht Gharbi in Orten wie Visionskultur eine Chance für die Zukunft der Innenstädte. „Die Innenstadt ist nicht mehr klassisch nur für den Einkauf gedacht“, sagt er. Stattdessen brauche es Orte, die unterschiedliche Nutzungen miteinander verbinden: Kultur, Gastronomie, kreative Projekte, soziale Begegnung und Arbeit. Visionskultur versteht sich dabei als Teil einer größeren Transformation. Die Community bringe neue Perspektiven, internationale Netzwerke und kreative Dynamik in die Stadt. 

„Junge Ideen sorgen dafür, dass Menschen auf den Ort schauen“, sagt Gharbi. Dabei meint er mit „jung“ weniger das Alter als neue Denkweisen und kreative Ansätze. Dass Bremen dafür gute Voraussetzungen mitbringt, davon ist er überzeugt. Die kurzen Wege zwischen Wirtschaft, Verwaltung und Wissenschaft seien ein echter Standortvorteil. Gleichzeitig sieht er aber auch Herausforderungen: „Strategisch ist vieles gut dargestellt. Aber operativ nicht.“ Häufig fehle es an schnellen Prozessen und konkreten Umsetzungen. 

Zwischennutzung in Bremen: Chance für Leerstand und Stadtentwicklung 

Auch wenn Visionskultur inzwischen für kreative Zwischennutzungen bekannt ist, sieht Gharbi darin nicht das eigentliche Ziel. Der Wunsch sei ein langfristiger, zentraler Ort für die Community – mit genügend Fläche, um Projekte nachhaltig entwickeln zu können. „Meistens entsteht die Entscheidung andersherum“, erklärt Gharbi. „Wir müssen schauen: Welche Immobilie ist möglich?“  

So auch bei der Zwischennutzung im ehemaligen Bürgerservicecenter. Diese soll zusammen mit dem Parkhaus Bremen Mitte voraussichtlich ab Anfang 2027 abgerissen werden, um einer neuen Entwicklung Platz zu machen. Dann müssen Gharbi und sein Team ein neues Domizil finden. 

Trotzdem sieht er großes Potenzial in Zwischennutzungen. Gerade leerstehende Gebäude könnten dadurch wieder Teil des städtischen Lebens werden. Visionskultur wolle zeigen, wie wichtig solche Orte seien, auch mit kurzfristigen Konzepten. Die Innenstadt sei dafür ein idealer Standort. Dort träfen unterschiedliche Zielgruppen aufeinander: Studierende, Kreative, Unternehmen, Besucher:innen. „Wir denken, der dritte Ort fehlt“, sagt Gharbi. Gemeint sind Räume zwischen Zuhause und Arbeitsplatz – Orte für Austausch, Begegnung und Gemeinschaft. Genau ein solcher Ort soll Visionskultur auch in der Pelzerstraße sein: ein Platz, an dem aus leerstehenden Räumen neue Möglichkeiten werden, aus ersten Ideen konkrete Projekte und aus einzelnen Gründer:innen eine Community, die Bremen mitgestaltet.

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