22.5.2026 - Wolfgang Heumer 

Mit KI gegen die Kakophonie

Pressedienst

App hilft neurodivergenten Menschen aus dem kommunikativen Chaos

Eine Frau und ein Mann (Bianca Holtschke und Timm Bölke) schauen in die Kamera.
Bianca Holtschke und Timm Bölke haben eine App für Autistinnen und Autisten entwickelt. © WFB/ Cosima Hanebeck

Wenn sich viele Menschen gleichzeitig unterhalten, wird die Geräuschkulisse immer lauter und ungeteilte Aufmerksamkeit kann zur Qual werden. Neurodivergent veranlagte Menschen wie Autistinnen und Autisten leben häufig mit diesem Problem – eine App aus Bremen hilft.

Eine Szene in einem Restaurant: Alle Tische sind besetzt, lautes Stimmengewirr ist zu hören. Dazu kommen die Geräusche aus der offenen Küche, wo die Gerichte zubereitet werden. Im Gastraum klirren die Gläser, Besteck klappert. Am Nebentisch sitzt eine große Gruppe, jeder spricht mit jedem, es wird laut gelacht. Für die Bremer Designerin Bianca Holtschke sind solche Situationen eine große Herausforderung. „Wenn alle Gespräche scheinbar ungefiltert auf einen einprasseln, kostet Zuhören viel Energie“, sagt sie.

Neurodivergente Menschen wie zum Beispiel Autistinnen und Autisten erleben solche Stresssituationen nahezu ständig. Als neurodivergent gelten Personen, die eine neurologische Abweichung aufweisen. Ihre Wahrnehmung und Informationsverarbeitung folgen anderen Regeln als das Hören und Verstehen der meisten Menschen. „So entstehen Kommunikationsbarrieren“, sagt Holtschke. Deshalb gehen die Betroffenen solchen Situationen häufig aus dem Weg, ziehen sich zurück. Gemeinsam mit dem Wirtschaftswissenschaftler und Softwareentwickler Timm Bölke hat Bianca Holtschke Hilfe für Betroffene geschaffen: Eine von den beiden entwickelte App gibt Neurodivergenten unter Verwendung von Künstlicher Intelligenz Orientierung im kommunikativen Chaos. Wichtig war ihnen dabei, dass die Individualität der Nutzenden bei der Anwendung berücksichtigt wird.

Alltagssituationen stellen autistische Menschen vor Herausforderungen

Es geht nicht nur um den Restaurantbesuch: In einer Welt, in der das schnelle Einordnen von Gesagtem oder Geschriebenem eine entscheidende Größe ist, haben es neurodivergent veranlagte Menschen in vielen Alltagssituationen schwer. Welche Aussagen sind wichtig? Was bedarf einer direkten Antwort? Wie lassen sich Missverständnisse vermeiden? Solche Fragen begleiten nahezu jedes Gespräch und jede E-Mail, betont Bianca Holtschke.

„Autismus bedeutet nicht, dass man weniger intelligent ist, sondern dass man die Welt anders verarbeitet“, stellt sie klar. Das hat für die betroffenen Menschen gravierende Auswirkungen. „Nur etwa 16 Prozent der autistischen Erwachsenen sind regulär beschäftigt — nicht wegen mangelnder Qualifikation, sondern wegen genau dieser strukturellen Barrieren“, berichtet die Kommunikationsdesignerin.

„Autismus bedeutet nicht, dass man weniger intelligent ist, sondern dass man die Welt anders verarbeitet“

Eigene Erfahrungen als Motivation für die App-Entwicklung

Bianca Holtschke und Timm Bölke kennen diese Barrieren aus eigner Erfahrung, beide sind selbst Autisten. Bölke ist Wirtschaftswissenschaftler und studiert Mathematik und Psychologie. Holtschke hat an der Bremer Hochschule für Künste (HfK) und in Den Haag Integriertes Design studiert. In ihrer Promotion forscht sie derzeit an der HfK Bremen zu der Frage, wie aus einer neurodivergenten Perspektive komplexe Inhalte durch Design verständlich gemacht werden können. „Wir haben beide erlebt, wie viel Vorbereitung nötig ist, um an Dingen teilzunehmen, die für andere selbstverständlich sind“, schreibt Bianca Holtschke in einer E-Mail. Sie bevorzugt es, sich schriftlich auszutauschen, auch mit dem Autor dieses Berichts.

„Wir wollten ein Tool, das uns so lässt, wie wir sind“

Nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts ist etwa ein Prozent der Bevölkerung in Deutschland durch Autismus in der sozialen Interaktion und Kommunikation eingeschränkt. Dennoch gibt es derzeit nur wenige digitale Werkzeuge zur Unterstützung der Betroffenen. Und diese wenigen „glätten, formulieren höflich um und entfernen genau die Direktheit und Präzision, die wir benötigen“, berichten die beiden. Konsequent suchten Holtschke und Bölke eine Alternative: „Wir wollten ein Tool, das uns so lässt, wie wir sind, und trotzdem hilft, in einer Welt zu navigieren, die anders funktioniert als wir.“

„Wir wollten ein Tool, das uns so lässt, wie wir sind“

App analysiert E-Mails und gibt Hinweise

Ihre Lösung steckt in der KI-Assistentin „ND-AI“. Die Buchstabenkombination steht für „Neurodiversity Artificial Intelligence“. ND-AI analysiert eingehende E-Mails: Was will die schreibende Person dahinter wirklich, wo könnte Konfliktpotenzial stecken? Beim Verfassen eigener Nachrichten gibt die Assistentin Hinweise, welche Reaktionen eine Formulierung wahrscheinlich auslöst. Außerdem bereitet sie die Nutzenden auf schwierige soziale Situationen vor: Wer wird bei einer Veranstaltung sein, welche Themen werden relevant sein, welche Person könnte angesprochen werden — und wie kommt man aus der Situation wieder heraus, wenn es zu viel wird?

Als drittes Element strukturiert die KI anstehende To-do‘s in leicht umsetzbare Schritte. Das wesentliche Charaktermerkmal der digitalen Assistentin sei ihre individuelle Vorgehensweise: „Die KI nutzt keine Daten aus dem Internet, sondern arbeitet mit einer eigenen Wissensdatenbank zum Thema Neurodiversität sowie dem persönlichen Profil der jeweiligen Nutzer*in“, schreibt Bianca Holtschke.

Eine Frau und ein Mann (Bianca Holtschke und Timm Bölke) gehen nebeneinander her und lächeln in die Kamera
Bianca Holtschke und Timm Bölke haben eine App für Autistinnen und Autisten entwickelt. © WFB/ Cosima Hanebeck

Die Nutzenden sollen sich selbst treu bleiben

Die KI-Assistentin ist in erster Linie für autistische Erwachsene und Menschen mit ADHS konzipiert. „Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, diese Menschen zu, normalisieren’, betont Holtschke. ND-AI übersetzt zwischen zwei Kommunikationsstilen, ohne den eigenen wegzutrainieren: „Wir wollen niemanden erziehen. Die Nutzenden sollen sich in dem Text wiederfinden und dabei sie selbst bleiben.“ Das sei der Anspruch.

Die KI-Assistentin ist Ergebnis einer umfassenden Teamarbeit. Bianca Holtschke hat die Nutzungsperspektive und die Benutzeroberfläche verantwortet – mit dem Blick der Designerin, die täglich selbst mit den Themen lebt. Timm Bölke entwickelte die technische Architektur und hat das Sprachmodell auf die Anforderungen der beiden angepasst. Unterstützt wurden sie von der HfK und dem Bremer Hochschulnetzwerk Bridge, das Gründungswillige berät. Der Lohn der intensiven Arbeit ließ nicht lange auf sich warten: beim CAMPUSiDEEN-Wettbewerb 2025 der Hochschule gewannen die beiden den erstmals vergebenen Impact Award.

Holtschke und Bölke nutzen die KI-Assistentin inzwischen selbst täglich: „ND-AI ist aus einer echten Notwendigkeit entstanden, und wir sind nach wie vor die ersten und konsequentesten Testpersonen.“ Abgeschlossen ist das Projekt noch lange nicht. „Wir arbeiten an weiteren Features, die direkt aus dem Feedback unserer Nutzer*innen entstehen — Terminplanung, Priorisierung, weitere Kommunikationshilfen.“ Der Prozess soll keine Einbahnstraße sein. Die beiden freuen sich über Nutzerinnen und Nutzer, die die Entwicklung begleiten.

Wer ND-AI ausprobieren möchte, erreicht die beiden unter mail@nd-ai.eu

Pressekontakt: Bianca Holtschke, E-Mail: bholtschke@hfk-bremen.de

Bildmaterial:

Das Bildmaterial ist bei themengebundener Berichterstattung und unter Nennung des jeweils angegebenen Bildnachweises frei zum Abdruck.

Der Pressedienst aus dem Bundesland Bremen berichtet monatlich über Menschen und Geschichten aus dem Bundesland Bremen mit überregionaler Relevanz, herausgegeben von der WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH. Bei den Artikeln handelt es sich nicht um Werbe- oder PR-Texte, sondern um Autorenstücke, die von Journalistinnen und Journalisten geschrieben werden. Es ist erwünscht, dass Redaktionen den Text komplett, in Auszügen oder Zitate daraus übernehmen.

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