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1.4.2020 - Reinhard Wirtz

Wie das Coronavirus die Lieferketten bedroht

Internationales

Außenhandel mit der Volksrepublik China: Nicht ist mehr so, wie es mal war

Ungewisse Gewässer voraus - die Folgen der Coronakrise sind schwer abzuschätzen
Ungewisse Gewässer voraus - die Folgen der Coronakrise sind schwer abzuschätzen © pixabay

Während in der Volksrepublik China die Zahl der Neuinfektionen schon wieder rückläufig scheint, breitet sich die Pandemie in anderen Ländern aus. Wie wirkt sich das Virus auf unsere engen außenwirtschaftlichen Verflechtungen mit China aus?

Für die Bundesrepublik Deutschland stand die Volksrepublik China nach den vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes 2019 bei den Exporten nach den USA und Frankreich an dritter Stelle, bei den Importen sowie beim Gesamtumsatz im Außenhandel auf Rang 1. Für Deutschland ist China damit der größte Außenhandelspartner und vor allem für die Automobilindustrie sowie den Maschinenbau einer der wichtigsten Märkte. Nach Einschätzung des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau dürfte aktuell etwa knapp die Hälfte der deutschen Maschinenbauer in China mit Produktion/Service oder Vertrieb vor Ort aktiv sein. Alle deutschen Autohersteller sowie die führenden Kfz-Teile-Hersteller haben inzwischen erhebliche Produktionskapazitäten in China aufgebaut.

Nach Angaben von Germany Trade & Invest (2019) bezogen deutsche Unternehmen aus der Volksrepublik in 2018 im wesentlichen Elektronik, Textilien/Bekleidung, Maschinen und Chemische Erzeugnisse. Bei den Ausfuhren standen Kfz und -Teile, Maschinen sowie sonstige Güter und Elektrotechnik im Vordergrund.

Im Ranking der EU-Handelspartner rangierte China im Jahr 2018 bei den Importen auf Platz 1, bei den EU-Exporten auf Platz 2. Für China ist Deutschland in der EU der wichtigste Handelspartner, im Gesamtgefüge seines Außenhandels nimmt die Bundesrepublik bei den Exporten den 6., bei den Importen den 5. Rang ein.

Deutsche Ausfuhrgüter nach China, Quelle: GTAI, eigene Darstellung
Deutsche Ausfuhrgüter nach China, Quelle: GTAI, eigene Darstellung

Wichtiger Handelspartner für Bremen

Für die bremische Wirtschaft gilt die Volksrepublik China gleich nach den USA und der EU als wichtigster Handelspartner: Mehr als 500 Unternehmen aus dem Bundesland sind derzeit in China aktiv, davon knapp 200 mit einer eigenen Tochtergesellschaft, Produktionsstätte oder zumindest mit einem festen Handelsvertreter vor Ort, wie Torsten Grünewald, Referent im Geschäftsbereich International der Handelskammer Bremen – IHK für Bremen und Bremerhaven, erläutert. Dem stehen rund 150 chinesische Unternehmen gegenüber, die in Bremen und Bremerhaven eine Gesellschaft gegründet beziehungsweise Investitionen getätigt haben. Ein Kernbereich, so Grünewald, liege seit jeher im Handel und in der Logistik. „Auch Handels- und Dienstleistungsfirmen, Unternehmen aus der Luft- und Raumfahrt, der Automobilindustrie, der Informations- und Kommunikationstechnologie und dem Umwelt- und Energiesektor weiten ihren Aktionskreis zunehmend auf den chinesischen Markt aus.“

Die Häfen Chinas zählen mengenmäßig laut Handelskammer zu den bedeutendsten Partnern der bremischen Häfen. Die Verkehre konzentrieren sich vor allem auf Container und Automobile. Zwischen den großen Häfen Chinas und den Bremischen Häfen bestehen regelmäßige Liniendienste. „Allein im Jahr 2018* wurden im Austausch mit China Waren und Güter im Gesamtwert von etwa 2,66 Mrd. Euro über die bremischen Häfen abgewickelt. Dazu zählten Einfuhren aus China im Wert von circa 1,19 Mrd. Euro sowie Ausfuhren nach China in Höhe von circa 1,47 Mrd. Euro. Das entspricht in etwa dem Wert aller bremischen Ausfuhren nach Asien insgesamt“, rechnet Torsten Grünewald vor.

*Zahlen aus 2019 lagen noch nicht vor. Für 2020 wird ein beträchtlicher Einbruch erwartet.

„...wir werden ein böses Erwachen erleben.“

Volker Treier (DIHK)

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) erwartet als Folge der Coronakrise den schlimmsten Einbruch der Weltwirtschaft seit der Finanzkrise der Jahre 2008 und 2009. Den deutschen Unternehmen mache vor allem die rückläufige Konjunktur in China zu schaffen, erklärte DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier kürzlich.

Wenn in den nächsten Wochen die Daten zum deutsch-chinesischen Handel vorlägen, „werden wir ein böses Erwachen erleben", sagte Treier voraus. Der DIHK rechne mit zweistelligen Rückgängen im Vergleich zum Vorjahr. Die deutsche Exportwirtschaft sei in hohem Maße von den Beziehungen zu China abhängig.

Etwa die Hälfte der Firmen erwartet derweil, ihre Jahresziele für 2020 nicht mehr zu erreichen. Das haben die jüngsten Umfragen der Deutschen und Europäischen Handelskammern ergeben.Etwa 90 Prozent aller europäischen Unternehmen im Reich der Mitte sind demnach in ihrer Geschäftstätigkeit mittelschwer (30 Prozent) oder stark (59 Prozent) von den Maßnahmen zur Eindämmung des Sars-CoV-2-Virus betroffen. Nicht eingeschränkte Firmen gebe es nicht. An der gemeinsamen Umfrage der Deutschen und der Europäischen Handelskammer in China hatten 577 Unternehmen teilgenommen, darunter 358 deutsche Betriebe.

Die bedeutende Rolle des China- und Asienhandels für die Standorte Bremen und Bremerhaven lassen ahnen, welche Dimensionen ein Stocken oder Ausfall in den Lieferketten für die bremische Wirtschaft haben kann. „Produktionsstillstände beziehungsweise eine ausbleibende Nachfrage aufgrund von restriktivem Einkaufsverhalten – die Menschen sind gezwungen zu Hause zu bleiben – machen einen ‚Nachfrageschock‘ immer wahrscheinlicher“, befürchtet Außenwirtschaftsexperte Torsten Grünewald.

Fehlende Waren und Dienstleistungen – DIHK-Umfrage; Quelle: DIHK 03/2020, eigene Darstellung
Fehlende Waren und Dienstleistungen – DIHK-Umfrage; Quelle: DIHK 03/2020, eigene Darstellung

Steigende Kosten bei rückläufiger Nachfrage

Mittelfristig sei deshalb zu erwarten, „dass sich der Nachfrageschock auch in den bremischen Exportzahlen niederschlagen wird.“ Logistikketten funktionierten häufig nicht mehr wie geplant, da entweder Logistikpartner in China ausfielen oder Liniendienste umgelegt würden. Bekannt sei auch, dass in betroffenen Gebieten – wie nun ja auch in Deutschland und in der EU – Unternehmen die Vorsorgemaßnahmen hochfahren und Krisenszenarien für den Ernstfall planen würden. Dabei müssten sie mit zuneige gehenden Vorräten an wichtigen Schutzmitteln, wie zum Beispiel Atemmasken oder Desinfektionsmitteln, arbeiten. Bremer Exporteure müssten daher Kostensteigerungen für einen hohen organisatorischen Aufwand bei rückläufiger Nachfrage einkalkulieren.

Für viele Bremer Unternehmen ist China auch ein bedeutender Beschaffungsmarkt: Sie handeln mit Waren, die in China hergestellt werden oder beziehen Bauteile sowie (Vor-)Produkte aus China, die wiederum in eigenen Produkten verbaut werden. „Auch hier gilt eine Beeinträchtigung für die produzierenden Industrien unseres Standortes als wahrscheinlich“, ist Torsten Grünewald überzeugt.

Denn je spezieller eine Fertigung ausfalle, desto schwieriger sei es, kurzfristig auf Ersatzmärkte auszuweichen. Verlängerte Bestell- beziehungsweise vertragliche Vorlaufzeiten stünden kurzfristigen Lösungen entgegen und bedeuteten für betroffene Importeure unter Umständen eine Unterbrechung der Lieferkette und somit Produktionsausfälle oder -verzögerungen. Die wenigsten Lieferverträge dürften jedoch hierauf vorbereitet sein. Breit aufgestellte Unternehmen, die ihre wichtigsten Waren auf verschiedenen Märkten absetzen oder von dort beziehen können, sind in der aktuellen Situation unter Umständen flexibler.

Unterbrochene Lieferketten müssen neu zertifiziert werden

Die Grenzen einer solchen Flexibilität sind allerdings schnell erreicht, wenn – wie zurzeit auch in Deutschland und Europa zu beobachten ist – Absatz- oder Beschaffungsmärkte sich in der Krise abschotten oder ganze Produktionszweige stilllegen. Die Handelskammer Bremen weist darauf hin, dass jetzt unterbrochene Lieferketten – etwa in der Textilindustrie – bei einer Wiederaufnahme der Lieferbeziehungen erneut zu zertifizieren sind, was Zeitverzug und zusätzliche Kosten verursacht.

Täglich dürften auch die hiesigen Hersteller von Investitions- und Ausrüstungsgütern nach Anzeichen Ausschau halten, die ein nachhaltiges Wiederanfahren der chinesischen Produktion signalisieren. Transparenz zählt allerdings nicht zu den hervorstechenden Eigenschaften des asiatischen Partners: Ausmaß und Prioritäten einer Reaktivierung bleiben derzeit unklar, erschwerend für eine Prognose ist der Zeitverzug, mit dem sich Produktionsschwankungen in tatsächliche Lieferbeziehungen und Investitionsentscheidungen übersetzen. Branchenübergreifend sind ohnehin kaum präzise Abschätzungen möglich, was schon an den spezifischen Bedingungen für einzelne Sparten – beispielsweise für Saisonware (etwa Lebensmittel) – scheitert.

Ein Schiff wird kommen...

Der Austausch mit chinesischen Partnern vollzieht sich überwiegend auf dem Seeweg, die Schiffe sind jeweils Wochen unterwegs, was Sars-CoV-2 ökonomisch in China und in den außenwirtschaftlichen Beziehungen angerichtet hat, wird exakt erst in einigen Wochen deutlich werden, wenn die ersten Containerschiffe aus China in Bremerhaven und an anderen großen europäischen Piers festmachen. In seiner Blitzumfrage hat der DIHK vor wenigen Tagen seine Mitgliedsunternehmen auch nach den außenwirtschaftlichen Auswirkungen der Sars-CoV-2-Pandemie befragt.

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„Die globale Betroffenheit insbesondere durch Störung von Lieferketten und Nachfragerückgängen zuvorderst aus China zeigt sich am überdurchschnittlich hohen Anteil an Industriebetrieben, die bereits heute Auswirkungen auf ihre Geschäfte bekunden“, kommentiert der DIHK die Umfrageergebnisse: Jeweils mehr als 50% der befragten Unternehmen in den Sparten Verkehr/Lagerei (57,3%), Industrie (57%) und Handel (54,3%) hatten negative Auswirkungen zu Protokoll gegeben.

Höhe der Schäden noch nicht genau zu beziffern

Die konkreten wirtschaftlichen Schäden durch das Corona-Virus ließen sich derzeit kaum beziffern, schreibt das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) in seinem jüngsten Konjunkturbericht (No.65). Absehbar sei aber bereits, dass der Außenhandel in den kommenden Monaten deutlich in Mitleidenschaft gezogen werden werde. „Dabei dürfte nicht nur der Austausch nach China, sondern auch in andere besonders stark von dem Virus betroffene Regionen deutlich rückläufig sein. Im Zuge dessen könnten Lieferprobleme bei Vorleistungsgütern zusätzlich zu spürbaren Produktionsrückgängen führen. Hinzu komme, dass Zulieferungen aus China in Kürze fehlen würden. Dies dürfte für sich genommen die Produktion im Verarbeitenden Gewerbe um 1,5 Prozent belasten.“

Allerdings sei dieser Wert mit größter Unsicherheit behaftet, da sich das Ausmaß kurzfristiger Substitutionsmöglichkeiten kaum abschätzen lasse. „Produktionsrückgänge infolge gestörter Lieferketten werden sich aufgrund der vier- bis sechswöchigen Transportzeiten zwischen Asien und Europa erst im zweiten Quartal in größerem Ausmaß bemerkbar machen“, so die IfW-Ökonomen. Sie gehen davon aus, „dass die entsprechenden Produktionsbehinderungen im Früh-jahr ihren Höhepunkt erreichen und bis zum Sommer nach und nach abklingen.“ Hierfür spreche auch, dass die Produktion in China offenbar schon wieder aufwärtsgerichtet sei.

China ist drittwichtigster Handelspartner der bremischen Häfen
China ist drittwichtigster Handelspartner der bremischen Häfen © WFB/Pusch

350 Millionen US-Dollar Schaden pro Woche

Mitte des Monats hat sich die EU-Kommission mit einer Stellungnahme zum Seeverkehr unter den Bedingungen der Pandemie zu Wort gemeldet. Die Internationale Schifffahrtskammer (IMO), die 80 % der weltweiten Handelsflotte vertritt, veranschlagt den durch das Coronavirus für die Wirtschaft entstandenen Schaden demnach auf 350 Millionen US-Dollar pro Woche. Im weltweiten Handel seien über 350 000 Container weniger als üblich befüllt worden. Die internationalen Lieferketten würden weiterhin darunter leiden, dass Schiffe unter Quarantäne im Hafen lägen.

Seit Anfang 2020 werden nach Angaben der EU-Kommission chinesische Häfen um gut 30 % weniger angelaufen. Nach Schätzungen des Analysehauses Alphaliner ist der Umschlag in den vergangenen Wochen um mehr als 20% eingebrochen. Insgesamt fuhren demnach in den zurückliegenden vier Wochen 49% weniger Containerschiffe von China Richtung Europa.

Rotterdam und Hamburg besonders betroffen

Die Flaute im Handel mit China treffe die Containerhäfen Rotterdam und Hamburg besonders hart. Schätzungen zufolge ist der weltweite Containerumschlag im ersten Quartal 2020 um 0,7 % zurückgegangen. Je nach Dauer der Krise könnten die Folgen für bestimmte Häfen jedoch noch viel härter ausfallen. Der Umschlag im Hafen Rotterdam könnte um 1 % beziehungsweise 150 000 Container jährlich schrumpfen, rechnen die EU-Schifffahrtsexperten vor.

Eher zurückhaltend gibt sich die Handelskammer Bremen, wenn es um die Quantifizierung außenwirtschaftlicher Schäden durch das Coronavirus Sars-CoV-2 geht: „Was die Handelsbeziehungen mit China betrifft, so können wir das Ausmaß beziehungsweise die Dimensionen der Leistungsstörungen bislang nicht wirklich seriös einschätzen. Gleiches gilt für die betroffenen Branchen. Es sind so ziemlich alle Branchen betroffen, die direkt oder indirekt mit China handeln.“ Mit ihren hohen Exportquoten seien Bremen und Bremerhaven stark abhängig von einem funktionierenden Außenhandel. Das volle Ausmaß der Folgen werde erst in einigen Monaten sichtbar sein. Bis dahin kann sich noch vieles ereignen.

Nach China und Europa sind die USA zum nächsten Epizentrum des Coronavirus geworden. Und mit den USA hat Bremen traditionell einen hohen Export- und Importanteil, das Land ist zweitwichtigster Handelspartner der Hansestadt.

Foto Matthias Hempen

Matthias Hempen

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