Das Tor zur Welt – und der Weg dorthin
TourismusEin Blick hinter die Kulissen des Übersee-Museums Bremen – von der ersten Idee bis zur Eröffnung
Das Tageslicht fällt durch den Lichthof, draußen glänzt der Bremer Hauptbahnhof in der Wintersonne. Wer hier sitzt, vergisst schnell, dass er sich in einem Museum befindet – hier, in der Pazifik-Ausstellung des Bremer Übersee-Museums. Die neue Dauerausstellung, die seit Frühjahr 2025 das Haus bereichert, ist ganz in den Farbtönen des „blauen Kontinents“ gehalten. Über den Köpfen schweben Haie, der Blick fällt auf die imposante Insel mit echten Pflanzen. Blaue Sitzsäcke, Stühle und Bänke laden dazu ein, sich zurückzulehnen, sich von der Sonne kitzeln zu lassen und ganz in die Welt Ozeaniens einzutauchen. „Es macht das Herz leichter, durch die Ausstellung zu spazieren“, beschreibt es Prof. Dr. Wiebke Ahrndt. Für sie ist dieser Ort nicht nur Arbeitsplatz, sondern Ausgangspunkt jeder neuen Idee.
Seit mehr als zwei Jahrzehnten leitet sie das Übersee-Museum Bremen. Neben Management, Personalverantwortung und Fundraising beschäftigt sie sich vor allem mit einem: der konzeptionellen Projektleitung von Dauerausstellungen. Und jede davon beginnt mit derselbe Frage: Was wollen wir hier erzählen – und warum?
Ein Museum, das europaweit einzigartig ist
Das Übersee-Museum sei ein ganz besonderes Museum, ist Prof. Dr. Ahrndt überzeugt. „Durch seine Fächerkombination sind wir das einzige Haus in Europa, das naturkundliche, kulturelle und Wirtschaftsfragen unter einem Dach behandelt“. Genau darin liege der Reiz: „Man ist nicht monothematisch unterwegs, sondern guckt nach Verbindungslinien.“
Mit über 10.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche, 17 Metern Raumhöhe, zwei Lichthöfen, Schiffen, Tempelbauten, echten Pflanzen und einem Koi-Teich bietet das Haus Möglichkeiten, die viele Museen nicht haben. Rund 110.000 Besucherinnen und Besucher kamen im vergangenen Jahr. Das Übersee-Museum zähle damit zu den fünf Prozent der meistbesuchten Museen in Deutschland. Etwa die Hälfte der Besuchenden sind Touristinnen und Touristen. „Wir sind der Eingang der Stadt“, sagt Ahrndt. Direkt neben dem Bremer Hauptbahnhof gelegen, ist das Museum in der Tat für viele der erste Kontakt mit Bremen.
Der erste Schritt zur Ausstellung: Die richtigen Fragen stellen
Am Anfang einer Ausstellung steht kein Objekt, kein Raum oder Design. Sondern eine grundsätzliche Überlegung: „Wollen wir uns wieder einem Kontinent widmen oder etwas ganz anderes machen?“ Das Konzept des Übersee-Museums arbeitet bewusst mit einem geografischen Rahmen. Afrika, Asien, Amerika – die Kontinente strukturieren das Haus und ermöglichen große Zusammenhänge. Auch bei der neuesten Dauerausstellung.
Es folgen dann die großen Fragen: „Was sind eigentlich die übergeordneten Themen, die zu unserem Haus passen?“ Für den Pazifik kristallisieren sich fünf zentrale Aspekte heraus: Klimawandel, Biodiversität, Ressourcen, Werte und Normen sowie die Kolonialgeschichte.
Internationale Perspektiven von Anfang an
Wichtig ist Ahrndt und ihrem Team, dass Ausstellungen nicht nur aus deutscher oder europäischer Sicht entstehen. Deshalb werden früh externe Partnerinnen und Partner eingebunden. „Wir sind mit einer Kollegin von der National University of Samoa ins Gespräch gegangen und haben sie gefragt, ob die Themen, die wir identifiziert haben, auch ihre sind“, so Ahrndt.
Die Antwort kam schnell – und bestätigte den Ansatz: Klimawandel, Ressourcen, kulturelle Identität, koloniale Vergangenheit. Themen, die global relevant sind und lokal verständlich gemacht werden müssen. Auch ein Co-Kurator und eine Praktikantin aus Samoa wurden in das kuratorische Team eingebunden.
Komplexe Zusammenhänge für alle verständlich machen
Eine der größten Herausforderungen beginnt nach der Konzeptphase. „Die Fragestellungen sind komplex. Unsere Aufgabe ist es, sie so zu erzählen, dass alle – auch Kinder – sie verstehen.“ Genau dafür seien Museen da: „Komplizierte Dinge in einfache Worte zu kleiden und Zugänge zu finden“, fasst die Direktorin zusammen. Auch für ein touristisches Publikum ist dies entscheidend. Internationale Gäste, unterschiedliche Altersgruppen, verschiedene Sprachniveaus – das Übersee-Museum setzt bewusst auf niedrigschwellige Inhalte und Mehrsprachigkeit.
Dabei läuft nicht alles über Text oder klassische Ausstellungsstücke. Spiele, Filme, Soundinstallationen und interaktive Elemente ergänzen die Ausstellung. „Wir haben zum Beispiel ein interaktives Spiel, wo ein Fischschwarm durch das Bild schwimmt und auf Bewegung reagiert. Wenn ich als Kind vor diesem Bildschirm stehe und merke, dass meine Bewegungen Auswirkungen auf den Schwarm haben, dann kann ich viel besser Zusammenhänge verstehen – ganz ohne Worte“, erklärt Ahrndt.
Gestaltung, Wettbewerb – und ein Stück Hogwarts in Bremen
Wenn klar ist, was erzählt werden soll, folgt die Frage, wie die Inhalte im Raum dargestellt werden sollen. Denn erst die Gestaltung gibt den Ideen der Kurator:innen ein Gesicht. „Die Gestalterinnen und Gestalter haben großen Einfluss auf die Stimmung im Raum – soll es eher düster oder freundlich wirken? Sind die Sitzmöglichkeiten so, dass man sich lange im Raum aufhalten möchte?“
In einem internationalen Gestaltungswettbewerb setzte sich die Londoner Designagentur Casson Mann durch. Besonders spektakulär: der Bau der begehbaren Insel. „Das war eine besondere Herausforderung, weil ein Objekt in dieser Form noch nicht gebaut wurde“, erinnert sich die Direktorin. Entspannte Sitzmöglichkeiten und Soundeffekte im Inneren, echte Pflanzen außen herum – die Insel, die die Pazifik-Ausstellung bestückt, ist ein Blickfang. Und sie hat ein kleines Geheimnis: Gebaut wurde sie nämlich von der Firma, die auch das Hogwarts-Schloss für die Harry-Potter-Filme erbaut hat. Ein Hogwarts-Stein hat es sogar mit ins Museum geschafft. Ein Detail, das zwar nirgends erwähnt wird, aber zur Geschichte hinter den Kulissen gehört.
Alle packen mit an
Eine Ausstellung dieser Größe ist Teamarbeit. „Am Ende sind alle involviert“, sagt Ahrndt. Wissenschaft, Restaurierung, Präparation, Technik, Archiv, Bibliothek, Ausstellungskoordination – bis hin zu den Praktikantinnen und Praktikanten, die beim Sandschichten helfen. Alle 95 Mitarbeitenden packen mit an. „Das ist etwas, was Mann und Maus im Übersee-Museum beschäftigt.“
Bei den teilweise sehr alten Objekten, die zur Kollektion des Übersee-Museums zählen, ist ein Bereich besonders wichtig. Bevor ein Ausstellungsstück seinen Platz im Raum findet, muss es durch die Restaurierung: prüfen, sichern, reinigen – Schritt für Schritt. Restauratorinnen und Restauratoren kontrollieren jedes Stück minutiös: Hat sich etwas gelöst? Gibt es Spannungen im Material? Gerade große Objekte lassen sich im Ausstellungsbetrieb kaum gründlich konservatorisch bearbeiten. Erst wenn eine Ausstellung erneuert wird, ist Zeit für die intensive Reinigung – für das, was sich über Jahre abgelagert hat. Und vieles dauert: Arbeitsschritte brauchen Trocknungszeiten, Entscheidungen Geduld.
Ein Objekt steht dabei für Prof. Dr. Ahrndt ganz besonders im Mittelpunkt: die Hareiga. Zehn Meter hoch ragt sie in den Raum – ein Zeremonialobjekt aus Papua-Neuguinea, das vor über hundert Jahren bei Erntedankfesten für die Taro-Pflanze genutzt wurde. Oft wird sie als Maske oder Kopfschmuck bezeichnet, doch eigentlich ist sie beides nicht. Auf den ersten Blick wirkt sie streng, beinahe steif. Doch wer ihr ins Gesicht schaut, merkt, wie sich diese Starre auflöst. „Dann wird zurückgeguckt“, sagt Ahrndt. Dieses freundliche, fast lächelnde Gesicht macht die Hareiga für sie zum „Gute-Laune-Inspirator“. „Wenn nichts mehr hilft, gucke ich der Hareiga ins Gesicht und denke: Es gibt echte Katastrophen im Leben – und es gibt welche, die gar keine sind.“
Wenn der Walhai Styropor trägt
Mit kleineren Katastrophen muss sich Prof. Dr. Ahrndt immer wieder auseinandersetzen – denn auch im Übersee-Museum läuft nicht immer alles glatt. „Kurz vor der Eröffnung der Ausstellung wurde es nochmal hektisch“, erinnert sich Ahrndt und lacht. „In den Felsen der Insel steckt Styropor“, erklärt sie. Als die Pflanzen eingesetzt werden sollten, musste gebohrt werden – und die Styropor-Kügelchen flogen herum. „Selbst der Walhai, der an der Decke hängt, hatte plötzlich auf dem Rücken Sprenkel – und wir dachten: Komisch, soll das so sein? Oh nein, das ist Styropor!“
Dann hieß es: Staubsauger holen, von der Decke abseilen, Nacharbeiten bis zur letzten Minute. Vier Jahre Arbeit kulminierten in diesen Moment. „Es war großartig“, sagt Ahrndt über die Eröffnung. Das Feedback der Besucherinnen und Besucher sei überwältigend. „Mein Wunsch ist, dass Menschen so positiv begeistert sind von dem, was wir hier zeigen, dass sie auch die Lust verspüren, ihren Teil dazu zu tun, dass diese Schönheit und Vielfalt erhalten bleibt“, schließt sie ab.
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