18.6.2026 - Jann Raveling

Gleistein: Hightech-Seile aus Bremen-Blumenthal für die Welt

Maritime Wirtschaft und Logistik

Hidden Champion versorgt die Welt

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Mehr als 5.000 Meter Seil entstehen täglich bei bei der Gleistein GmbH in Bremen-Blumenthal. Das Unternehmen ist ein echter Hidden Champion: international gefragt, tief in Bremen verwurzelt und seit mehr als 200 Jahren ein Beispiel dafür, wie sich traditionelles Handwerk immer wieder neu erfinden kann.

Gleistein zählt heute zu den führenden Herstellern von High-Tech-Seilen. Sie kommen weltweit zum Einsatz – vor allem in maritimen Märkten, aber auch bei Schwerlastkränen, bei Sicherheitsanwendungen oder auf Spielplätzen. „Als Vollsortimenter fertigen wir Seile von sehr dünn bis sehr dick und haben uns damit viele Märkte erschlossen“, sagt Jan Paul, Gesellschafter von Gleistein.

Besonders sichtbar wird die Bedeutung der Seile in der Schifffahrt. Wenn große Containerschiffe sicher im Hafen festmachen, sind hochwertige Taue gefragt, die enormen Belastungen standhalten. Genau hier liegt eine der Stärken des Bremer Unternehmens: Seile zu entwickeln, die leicht, haltbar, widerstandsfähig und präzise auf ihren späteren Einsatz abgestimmt sind.

Vom Filament zum fertigen Seil

Am Anfang jedes Seils stehen feine Kunststofffasern, die Filamente. Gleistein verarbeitet unter anderem Nylon, Polyester und Polypropylen. Die einzelnen Fasern sind dünner als ein Haar und werden meist extern eingekauft. Im Werk in Bremen-Blumenthal oder am Standort Slowakei kommen sie auf Spulen an – als sogenannte Multifilamente.

Mann inspiziert Seile
Jan Paul, Gesellschafter von Gleistein © WFB

Damit aus diesen feinen Fasern belastbare Seile entstehen, durchlaufen sie mehrere Arbeitsschritte. Zunächst werden die Filamente in Zwirnmaschinen zu Garnen verdreht. Dadurch erhalten sie Halt im Verbund und gewinnen an Widerstandsfähigkeit sowie Formstabilität. Aus vielen Garnen entstehen anschließend in Litzenmaschinen dickere Litzen. Sie bilden die Grundlage für das spätere Seil, werden imprägniert, eingefärbt und auf Spulen gewickelt.

Erst danach folgt der entscheidende Schritt: In Flechtmaschinen werden die Litzen zum fertigen Seil verarbeitet. Das Prinzip ähnelt einem geflochtenen Haarzopf – nur mit deutlich höheren technischen Anforderungen. Zugleich lässt sich jedes Seil wie in einem Baukastensystem an unterschiedliche Anforderungen anpassen – etwa an Gewicht, Dehnung, Durchmesser oder Weiterverarbeitung.

Maßarbeit statt Massenware

Gleistein produziert heute fast ausschließlich auf Bestellung. Jedes Seil entsteht erst dann, wenn Kundinnen und Kunden es benötigen. Der Grund: Die Anforderungen sind extrem unterschiedlich. Bei einer Rennyacht zählt jedes eingesparte Gramm. Bei Containerschiffen stehen Stabilität, Langlebigkeit und einfache Handhabung im Vordergrund – auch unter rauen Bedingungen.

Mehr als 5.000 verschiedene Seiltypen umfasst das Sortiment des Unternehmens. Vom hauchdünnen Tauwerk bis zum baumdicken Spezialseil deckt Gleistein eine enorme Bandbreite ab. Damit endet die Arbeit jedoch nicht an der Werkstür. „Der Kern unserer Wertschöpfung liegt hier in Bremen. Aber damit sind die Seile noch nicht im Einsatz“, sagt Jan Paul. Deshalb seien Serviceteams weltweit unterwegs, um Kundinnen und Kunden bei Wartung, Reparatur und Beurteilung der Seile zu unterstützen.

200 Jahre Wandel – und immer neue Märkte

Die Seilerei gehört zu den ältesten Handwerken der Welt. Die Geschichte von Gleistein begann 1824, als Kapitän Georg Gleistein aus Vegesack die Erlaubnis erhielt, eine Seilerei aufzubauen. Damals war Vegesack ein bedeutender Hafen an der Weser.

„Früher entfiel ein erheblicher Teil des Schiffswerts auf Seile. Mit der Dampfschifffahrt veränderte sich der Markt grundlegend“, sagt Jan Paul. Viele Seilereien verschwanden. Gleistein dagegen passte sich an, investierte in Maschinen, erschloss neue Märkte und entwickelte sich Schritt für Schritt weiter.

Historisches Foto vom Seilerhandwerk
Blick in die alten Seilerhallen mit den Seilerbahnen © Gleistein

Auch später blieb Veränderung ein ständiger Begleiter. Während Segelschiffe noch große Mengen Tauwerk benötigten, machen Seile heute nur noch einen sehr kleinen Teil des Wertes moderner Containerschiffe aus. Hinzu kam ab den 1970er- und 1980er-Jahren stärkere internationale Konkurrenz, insbesondere aus Fernost. Gleistein reagierte mit unternehmerischer Weitsicht: 1997 eröffnete das Unternehmen ein Werk in der Slowakei und konzentrierte sich zugleich immer stärker auf Hochtechnologie.

Ein Beispiel dafür sind Seile aus Dyneema, einer extrem festen Kunststofffaser. Bei gleicher Zugfestigkeit wie Stahl ist sie bis zu zehnmal leichter. Aus diesen Fasern flechtet Gleistein unter anderem „DynaOne“, einen Bestseller des Unternehmens, der etwa im Segelsport eingesetzt wird. Solche Innovationen tragen dazu bei, dass Gleistein international wettbewerbsfähig bleibt.

Hightech mit Handarbeit

Trotz moderner Maschinen ist die Seilerei kein vollautomatisierter Industriezweig. Im Gegenteil: Bei Gleistein spielt Handarbeit weiterhin eine wichtige Rolle – auch am Standort Bremen-Blumenthal. „Das klingt vielleicht anachronistisch, aber der Anteil der Handarbeit nimmt seit einigen Jahrzehnten wieder zu“, sagt Jan Paul. Der Grund liege in der wachsenden Komplexität der Produkte. Viele Seile müssen so vorbereitet werden, dass sie direkt im Einsatz genutzt werden können.

Flechtmaschine
Geflochtene Seile sind heute Industriestandard und werden in Flechtermaschinen wie dieser hergestellt. © WFB

Damit bleibt auch der Beruf des Seilers und der Seilerin anspruchsvoll und vielseitig. Er verbindet Maschinenverständnis, Präzision, handwerkliches Können und Innovationsfreude. Gleistein bildet heute unter anderem Fachkräfte für das Seilerhandwerk, Industriekaufleute, Lagerlogistiker:innen sowie Schlosser:innen und Mechatroniker:innen aus.

So ist das Unternehmen nicht nur ein international erfolgreicher Spezialist für technische Seile, sondern auch ein wichtiger Arbeitgeber im Gewerbegebiet Bremen-Blumenthal. Gleistein stärkt die Wirtschaftskraft vor Ort, schafft Perspektiven für junge Menschen und zeigt, wie zukunftsfähig industrielle Tradition in Bremen sein kann.

Nach mehr als 200 Jahren bleibt Gleistein damit hochaktuell: mit Hightech aus Bremen, einem klaren Blick für die Bedürfnisse der Kundinnen und Kunden und einem Team, das gemeinsam an Lösungen für Märkte auf der ganzen Welt arbeitet.

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