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2.5.2018 - Volker Kölling

Bremen will mit Millionen vom Bund die Digitalisierungskurve hochschrauben

Digitalisierung / Industrie 4.0

Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Bremen: Kleine und mittlere Unternehmen bekommen im DIGILAB einen festen Anlaufpunkt

Die Kamerabrille schaut nach vorne, aber auch auf die Pupille des Brillenträgers.
Die Kamerabrille schaut nach vorne, aber auch auf die Pupille des Brillenträgers. Die Software hilft durch Einspielungen ins Brillenglas, Fehler schon im Frühstadium zu erkennen. © WFB/Volker Kölling coastcommunication

Viele Unternehmen verschließen sich noch vor den Möglichkeiten der Digitalisierung. Meist fehlt ihnen das Know-How für die richtigen ersten Schritte - und eine Ahnung von den Möglichkeiten. Das neue Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Bremen soll besonders kleinen und mittleren Betrieben helfend zur Seite stehen. Verortet in der Kontorhauspassage in der Langenstraße gibt es jetzt eine Anlaufstelle für Ratsuchende. Je nach Bedarf kümmert sich jeweils eine von fünf Partnerorganisationen im Netzwerk um die Unternehmen.

Bertram Wortelen lässt sich von seiner Brille ins Auge schauen. Die Software erkennt an der Augapfelbewegung, wohin der Entwickler des Instituts für Informatik OFFIS der Uni Oldenburg gerade schaut. Eine zweite Kamera schaut vom Brillenbügel nach vorne - und bei Bedarf lässt sich auch noch jede seiner Handbewegungen vom Computer analysieren: „Das alles ist gedacht, um einen Techniker zu unterstützen und ihm im Kontext seiner Arbeit Hilfe und Informationen zukommen zu lassen. Ich könnte einem Techniker tausende Kilometer entfernt jetzt wichtige Infos auf das Innere seiner Brille spielen oder ihm akustisch mitteilen und ihn zur Not sogar korrigieren.“ Was sich nach Technik aus Agentenfilmen wie „Mission Impossible“ anhört, ist heute absolut keine unmögliche Sache mehr. Mit dieser digitalen Anwendung lassen sich hochsensible Arbeiten an extrem teuren Bauteilen genauso steuern wie eine erfolgreiche Lehrlingsausbildung. Wortelen: „Wir haben hier ein Mixsystem Mensch-Maschine. Der Computer hilft solange es geht und im Notfall greift dann ein Operator ein und unterstützt weiter.“

Das OFFIS ist in dem neuen Netzwerk hinter dem Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Bremen mit dem Fraunhofer–Institut für Digitale Medientechnologie IDMT einer von zwei Partnern aus Oldenburg. OFFIS gilt dabei vor allem als Ansprechpartner für alle Fragen des Digitalen Verkehrs – vom selbstfahrenden Auto bis zum Betrieb batteriegetriebener Containertransporter in Seehäfen. Dementsprechend ist OFFIS im Netzwerk auch ganz offiziell für den Bereich „Digitaler Verkehr“ zuständig. Das Oldenburger IDMT besetzt hingegen den Bereich „Digitales Produkt“. Hier kümmert man sich seit zehn Jahren besonders um die Verbesserung von akustischen digitalen Systemen. Dr. Jens Appell nennt als Beispiele für konkrete Produkte einen mit Sennheiser entwickelten Kopfhörer, in dem das Hörgerät praktisch eingearbeitet ist. Und der Forscher hat auch noch ein paar ausgefallenere Anwendungen auf Lager: Er erzählt über ein System der Drohnenerkennung oder eine Erfindung, die Sprayeralarm an Zügen auslösen kann - um Graffiti einzudämmen.

Kick-Off-Treffen für das Mittelstand 4.0 Kompetenzzentrum im BIBA
Das Kick-Off-Treffen für das Mittelstand 4.0 Kompetenzzentrum im BIBA ist ein starkes Bekenntnis von Entwicklern, Wirtschaftsförderern und Betrieben zu dem Bundesprojekt. © WFB/Volker Kölling coastcommunication

Im Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Bremen werden die Oldenburger IDMT Fraunhofer-Forscher mit ihren Bremer Kollegen vom Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung IGD zusammen arbeiten. Siri und Alexa können sich ausruhen. Die Spracherkennungssysteme aus der Fraunhofer-Forschung sollen auch ohne Anbindung an das Internet arbeiten und so beispielsweise eine robuste Sprachsteuerung von Maschinen ermöglichen. Aber auch mit automatischer Spracherkennung oder Lernprogrammen kennt man sich in den Instituten aus oder tüftelt heraus, wie sich Produktionsprozesse akustisch überwachen lassen. Eine ganz große Überschrift insgesamt für die Arbeit von IDMT und IGD lautet auch: „Digitale Assistenzsysteme für industrielle Anwendungsfelder entwickeln“.

Mit dem Kompetenzzentrum in der Digitalisierung Schritt halten

Letzten Endes müssen die Kunden aus dem Mittelstand nur kommen und gemeinsam finden sich dann schon Anknüpfungspunkte für Digitalisierungsmaßnahmen oder vielleicht sogar der Ansatz für ganz neue Lösungen aus den digitalen Baukästen der Beratungsinstitutionen. So ist das Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Bremen gedacht: Für Digitalisierungsberatung auf Nachfrage. Kai Stührenberg erlebt als Referatsleiter für Innovation und Digitalisierung beim Senator für Wirtschaft und Häfen bei Firmenbesuchen, dass eigentlich alle Betriebe schon etwas im Bereich Digitalisierung getan haben: „Aber alle haben auch offene Fragen: Muss ich mein Kunden-Management vielleicht neu aufbauen? Gibt es in meinem Bereich neue Geschäftsmodelle oder für mich interessante neue Produkte?“ Es sei schwer, da in den extrem schnelllebigen Zeiten der digitalen Revolution immer den Überblick zu behalten und auf der Höhe der Zeit zu sein. Dazu kommt, dass sich viele kleine und mittelständische Unternehmen mit vielleicht zehn Mitarbeitern keine eigene „Stabsstelle Digitalisierung“ leisten könnten, heißt es.

„Aber mit dem Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Bremen haben wir jetzt einen Ort. Wir haben die Menschen. Wir haben die Programme. Und jetzt können wir etwas tun.“ Genau mit diesen Worten hat Kai Stührenberg schon die rund 140 Teilnehmer beim Kick-Off-Meeting in der zweiten Aprilwoche 2018 begrüßt. Für das Treffen hatte sich das BIBA, das Bremer Institut für Produktion und Logistik am Hochschulring, in ein kleines Messe- und Konferenzzentrum verwandelt. Es gilt zu feiern, dass Bremen jetzt eines von bundesweit 23 Mittelstand 4.0-Kompetenzzentren hat. Damit verbunden sind 2,5 Millionen Euro, gefördert vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi). Übersetzt in Manpower bedeutet das 15 Berater im Partnernetzwerk.

Bremens Wirtschaftssenator Martin Günthner auf dem Kick-Off-Meeting im BIBA
Bremens Wirtschaftssenator Martin Günthner vergleicht die Chancen Bremens im Bereich der Digitalisierung mit denen der Containerisierung Ende der 60er Jahre. © WFB/Volker Kölling coastcommunication

Bei der  Auswahl der Partnerinstitutionen guckte die WFB auf die Innovationscluster in Bremen und Umzu: Maritime Wirtschaft und Logistik, Windenergie, Luft- und Raumfahrt, Automobilindustrie sowie Nahrungs- und Genussmittelindustrie. Im BIBA sitzen sie Seite an Seite: Forscher, Fach- und Führungskräfte sowie Vortragende aus Betrieben, bei denen der Wille zur Digitalisierung sich schon in Taten zeigt. Das Thema „Digitale Kommunikation“ ist das Gebiet der WFB-Spezialisten für Innovation im Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Bremen. Die Herausforderungen in diesem Bereich verändern sich von Monat zu Monat. Um bei Contentmarketing, Social Media und Webseitenoptimierung die richtigen Entscheidungen zu treffen, können sich Unternehmen Im Zentrum Rat holen.

Digitalisierung bietet Bremen Chancen wie der Container Ende der 60er

Von der Bühne betreibt der Moderator sehr analoge Kommunikation und kündigt als Werber in Sachen Digitalisierung gleich einmal Bremens Wirtschaftssenator Martin Günthner an. Der vergleicht die Chancen der Digitalisierung mit denen, als Ende der 60er Jahre eine unscheinbare Blechkiste den internationalen Warenverkehr revolutionierte: „Damals haben wir Bremer klug die Möglichkeiten erkannt, die sich uns da geboten haben und wir haben konsequent unsere Häfen und unsere Wirtschaft auf die Containerisierung ausgerichtet. Diese Erfolgsgeschichte sollten wir im Zeitalter der Digitalisierung jetzt fortschreiben.“

Wobei Günthners Worte praktisch direkt zu zwei weiteren Partnerinstitutionen des Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrums Bremen führen: Im BIBA, dem Bremer Institut für Produktion und Logistik, tüfteln junge Wissenschaftler etwa zur Zeit am Lagereibetrieb der Zukunft mit intelligenten Laufbändern  - und neuen Formen der Zusammenarbeit zwischen Menschen und Robotern. Schon mit der Gründung des BIBA Anfang der 80er Jahre sollte das An-Institut der Uni Bremen Schnittstelle zur lokalen Wirtschaft sein – praktisch die Forschungswerkbank Bremer Betriebe aus Produktion und Logistik.

Die Anfänge des fünften Partners im Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum, dem ISL – Institut für Seeverkehrswirtschaft und Logistik, reichen sogar auf das Jahr 1954 und das Institut für Schiffahrtsforschung zurück. Professor Dr. Frank Arendt und seine Crew zeichnen im neuen Netzwerk für den Bereich „Digitaler Umschlag“ verantwortlich. ISL-Mitarbeiterin Susanne Ficke lässt vor Kick-Off-Teilnehmern am riesigen Touch-Screen per Fingerzeig die Container über die virtuelle Wiedergabe des Bremerhavener Containerterminals schweben. CHESSCON – übersetzt Schachcontainer - heißt das im ISL entwickelte Simulationsprogramm. Ficke: „Mit dieser Anwendung lassen sich geplante Ladungsabläufe simulieren und auf Schwachstellen untersuchen. Wir nennen das Emulation.“ Letztlich gilt auch für den Zauberbildschirm der Seeverkehrslogistiker, dass er nur ein Beispiel ist für die Dinge, die das ISL im Bereich „IT solutions“ für Kunden entwickeln könnte – wenn sie denn den Weg zum Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Bremen finden.

Vom ersten bis zum letzten Schritt begleiten

An der Stelle schließt der Moderator den Kreis: Wie will er die Zögerlichen ködern, die jetzt noch sagen, Digitalisierung sei kein Thema für sie in ihrem Betrieb? „Wir wollen den Weg zu uns denkbar einfach machen: Manche kommen vielleicht durch den Besuch einer unserer jetzt geplanten Informationsveranstaltungen, über unsere Innovationswerkstatt, die neue Internetseite oder sie holen sich eben unsere Fachleute einfach mal in die Firma.“ Es gebe für viele Bereiche Leitfäden. Manch ein Einzelhändler brauche vielleicht keinen Onlineshop, aber doch neue digitale Informationskanäle zu seinen Kunden. Stührenberg: „Und letztlich können wir durch die Bundesinitiative die Inhaber und Geschäftsführer jetzt vom ersten bis zum letzten Schritt begleiten: Von der ersten Beratung bis zur Finanzierung der Maßnahmen zur Digitalisierung durch die Bremer Aufbau Bank BAB.“


Auf der Website vom Mittelstand 4.0 Kompetenzzentrum Bremen finden Sie weitere Informationen.

Informationen über die Initiative vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie sowie eine Aufzählung aller Kompetenzzentren bundesweit erhalten Sie hier.


Welche Services die WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH bei der Digitalisierung ihrers Unternehmens bietet, finden Sie auf der Übersichtsseite Digitalisierung.


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