4.3.2026 - Jann Raveling

Lohnen sich Elektro-Lkw im Praxiseinsatz?

Nachhaltigkeit

Schwerlast-Elektro-Lkw wirtschaftlich einsetzen

Elektro-Lkw sollen bis 2030 rund die Hälfte aller neu verkauften Nutzfahrzeuge stellen. Lohnt sich der Einsatz von Elektro-Lkw im Schwerlastbereich heute schon?

Ja, wenn Unternehmen über eigene Stromerzeugung verfügen, die Ladeinfrastruktur ideal ausgebaut ist, das Nutzungsprofil optimiert wird und die Kundinnen und Kunden bereit sind, für klimaneutralen Transport zu zahlen. Zwei Beispiele und ein Wissenschaftsprojekt aus Bremen zeigen, wie das geht.

Was sind Schwerlast-Elektro-Lkws?

Lastkraftwagen, die elektrisch angetrieben werden und per Batterie, Brennstoffzelle oder Oberleitung mit Energie versorgt werden. Es gibt keine einheitliche Klassifizierung für Schwerlast-Lkw, im Fahrzeugbau gelten Fahrzeuge ab 12 Tonnen Gesamtmasse als Schwerlastfahrzeuge (EU-Klasse N3). Unterhalb dieser Grenze liegen leichte Nutzfahrzeuge wie Transporter oder leichte Lkw. In dieser Klasse haben sich elektrisch betriebene Lkw bereits weit verbreitet, während der Einsatz im Schwerlastverkehr bisher noch selten ist. Batterieelektrische Fahrzeuge stellen dabei die große Mehrheit aller Elektro-Lkw, wasserstoffbetriebene Fahrzeuge oder Oberleitungs-Lkw sind selten und eine Nischenanwendung.

Was für batteriegetriebene Elektro-Schwerlast-Lkw gibt es?

Die großen Nutzfahrzeughersteller wie Traton (VW, Scania, MAN), Daimler Truck oder Iveco haben bereits verschiedene Modelle von Kurzstrecke bis Fernverkehr im Sortiment. Sie werden in allen Schwerlastgrößen bis hin zu Sattelzügen (40-Tonner) angeboten. Das Sortiment wächst ständig.
Hinzu kommen zahlreiche Kleinsthersteller oder neue Mitbewerber aus den USA oder Fernost (Tesla, BYD). Die Reichweiten der Fahrzeuge nehmen dabei mit jeder Generation zu und liegen heute zwischen 200-400 Kilometern, die neuste Generation schafft 500km+. Beim Durchschnittsverbrauch kommen Studien auf einen ungefähren Wert von einer Kilowattstunde pro Kilometer. Batteriebetriebene Lkw sind dabei um bis zu 60 Prozent effizienter als Diesel-Lkw bezogen auf den energetischen Wirkungsgrad.

Wie werden Elektro-LKW im Schwerlastbereich geladen?

An öffentlichen Ladepunkten (z.B. Ladeparks / Tankstellen) gibt es Ladestationen zwischen 50 kW und 300 kW-Spitzenladeleistung. Eine vollständige Ladung dauert hier zwischen 2 und 8 Stunden, je nach Akkugröße und Ladekapazität des E-Lkw. Viele Unternehmen errichten zudem auf ihrem Firmengelände eigene Ladestationen, um unabhängig von öffentlichen Ladeparks zu sein oder selbsterzeugten PV-Strom nutzen zu können.
Eine neue Entwicklung ist das sogenannte Megawatt Charging System MCS. Dieses erlaubt Ladeleistungen bis weit über 3 MW. Erste Fahrzeuge und Ladestationen mit 1 MW+ Ladeleistung gibt es bereits, ihre kommerzielle Verbreitung ist jedoch gering, wird in den kommenden Jahren aber zunehmen.

Ladevorgang
In der Handhabung nicht komplexer als das Laden eines Elektro-Pkws © WFB/Seebeck

Werden sich Elektro-LKW durchsetzen?

Laut einer pwc-Studie sollen weltweit bis 2030 bereits 20 Prozent aller Busse und Lkw elektrisch betrieben werden, bis 2040 steigt der Anteil auf 90 Prozent. Für Deutschland wird sogar noch eine schnellere Entwicklung prognostiziert: Bis 2030 sollen 48 Prozent aller schweren Nutzfahrzeuge batterieelektrisch angetrieben werden, prognostiziert die NOW GmbH im Auftrag des Bundesministeriums für Digitales und Verkehr (BMDV).

Lohnen sich Elektro-Lkw im Schwerlastverkehr wirtschaftlich?

Das hängt von den konkreten Einsatzbedingungen ab – Einsatzgebiet, vorhandene Infrastruktur, Förderungen, Betriebs- und Anschaffungskosten. Die einzelnen Faktoren spielen wie folgt zusammen:

Einsatzgebiet: Da E-Lkw einerseits durch die Batterie in ihrer Reichweite und andererseits durch die Lademöglichkeiten in der Dauer des „Nachtankens“ begrenzt sind, müssen sinnvolle Einsatzprofile der eigenen Flotte heute auf die technischen Möglichkeiten der Lkws optimiert werden. Dabei stellen sich für die Betreibenden Fragen wie: Fahren die Lkw Kurz- oder Langstrecke? Wie sieht das tägliche Einsatzprofil aus? Erlaubt das Profil Pausen zum Nachladen und gibt es an Start- oder Zielort Lademöglichkeiten?

Strompreis: Selbstgenutzter Strom, zum Beispiel aus einer PV-Anlage, bietet das größte Einsparpotenzial für den wirtschaftlichen Betrieb von E-Lkws. Idealerweise wird dieser noch über eine Pufferbatterie zwischengespeichert, damit die Lkw anhand ihres Nutzungsprofils laden können (z. B. nachts, wenn sie nicht gebraucht werden). Auch die Verfügbarkeit von Industrie/Gewerbestrom ist ein relevanter Faktor, ein Policy-Brief des DLR geht von einem Strompreis bis 0,21 bis 0,25 Cent aus, damit der Betrieb von E-LKW günstiger ist als Diesel-Lkw.

Infrastruktur: Auch die Ladeinfrastruktur wirkt sich auf die Wirtschaftlichkeit aus: Gibt es einen Ladepark vor Ort? Lässt sich eine Ladesäule auf dem Firmengelände errichten? Welche Ladeleistung kann sie erreichen? Eine 50 kW-Säule erlaubt nur das Laden über Nacht, während 250(+)-kW-Schnelllader auch tagsüber während Pausen oder Be- und Entladevorgängen auf dem Betriebshof das Zwischenladen sinnvoll ermöglichen. Das kann wiederum Reichweite und Einsatzdauer von Elektro-Lkws erhöhen.

Förderung: Die Bundesförderung „Richtlinie KsNI“ bezuschusste die Anschaffung von E-LKW, Ladeinfrastrukturen und Machbarkeitsstudien bis Anfang 2025. Seitdem gibt es keine Förderung auf Bundesebene mehr. Auf Länderebene gibt es noch einige Förderungen wie TruckCharge@BW in Baden-Württemberg oder weitere Programme in NRW und Bayern.

Betriebs- und Anschaffungskosten: Auch hier müssen viele verschiedene Faktoren berücksichtig werden. Wie teuer ist der zu beziehende Strom und wie entwickelt sich der Strom-/Dieselpreis sowie der CO2-Vertifikatepreis zukünftig? Wie hoch sind die Anschaffungskosten für Fahrzeug und Ladestationen? Elektro-LKW kosten in der Anschaffung heute noch zwei bis dreimal so viel wie herkömmliche Dieselfahrzeuge. Dafür ist der Wartungsaufwand geringer, es fallen gegebenenfalls Mautkosten weg und es gibt Steuervorteile oder THG-Gutschriften (Treibhausgasminderungsquote).

All diese Faktoren fließen idealerweise in eine Total Cost of Ownership-Analyse (TCO) ein, die von Unternehmen im Vorfeld der Anschaffung eines Elektro-Lkws erstellt wird. Sie erlaubt eine zielführende Betrachtung der Wirtschaftlichkeit.

Neben den harten Faktoren gibt es aber auch weiche Faktoren, welche eine Entscheidung für einen Elektro-LKW begünstigen können: Etwa, wenn sich die Anschaffung positiv auf das Image des Unternehmens als Vorreiter für klimaneutralen Transport auswirken kann oder Kund:innen einen klimaneutralen Transport verlangen.

Ladestation
Ladestationen müssen nicht nur für Elektro-Pkw, sondern an Gewerbestandorten vor allem für Elektro-Lkw ausgebaut werden. © WFB/Ginter

Reicht die Reichweite von Elektro-Lkw im Schwerlastverkehr im Alltag aus?

Ja, wobei eine genaue Antwort abhängig vom Einsatzzweck ist. Moderne Fahrzeuge bieten Reichweiten von weit über 500 Kilometern. Zudem kann – je nach Infrastruktur – zwischengetankt werden. Spätestens nach 4,5 Stunden ist eine 45-minütige Lenkpause ohnehin Pflicht, in der je nach vorhandenen Ladepunkten über einhundert Kilometer nachgeladen werden können.

Gibt es digitale Tools, welche bei der Routen-Planung helfen?

Ja, zahlreiche Softwarehersteller bieten Routenplanungstools, welche die Bedürfnisse von Elektro-Lkw berücksichtigen. Zudem gibt es auch Tools und Beratungsangebote von unabhängigen Instituten (siehe „Was sagt die Wissenschaft zur Wirtschaftlichkeit von E-Lkw im Schwerlastbereich?“)

Gibt es Praxisbeispiele für den Einsatz von Schwerlast-Lkw?

In Bremen setzen die Speditionen Hellmann Worldwide Logistics und Heinrich Langhorst auf Elektro-LKW mit positiven Erfahrungen, aber auch Herausforderungen, denen sie sich im Alltag gegenübersehen:

Sind Elektro-Lkw sinnvoll, um dem Klimawandel vorzubeugen?

Ja – Lkw sind für ein Viertel der weltweiten Emissionen im Transportsektor verantwortlich, der wiederum 15 Prozent aller Treibhausgase produziert. Wenn sie mit Strom aus regenerativen Quellen betrieben werden, können die CO2-Emissionen weltweit sinken.

Werden E-Lkw weiterhin teuer bleiben?

Vorerst schon. Zwar sinken die Preise für E-Lkw bereits stetig, jedoch von einem hohen Niveau aus. Zudem bleibt der Markt von Innovationen und Neuerscheinungen geprägt, die signifikante Verbesserungen von Generation zu Generation im Bereich Reichweite, Ladedauer und Energiemanagement erwarten lassen und damit die Preise für Neufahrzeuge hoch halten, solange der Absatz noch begrenzt ist (zum Vergleich: 2025 machten E-Lkw 2,1 Prozent Marktanteil bei Neufahrzeugverkäufen aus). 

Welche gesetzlichen Rahmenbedingungen gibt es?

Die EU hat in ihrer Verordnung (EU) 2024/1610 Grenzwerte für Flottenziele im CO2-Ausstoß festgelegt. Ab 2030 wurden diesen abermals gegenüber vorherigen Verordnungen verschärft und liegen jetzt bei -45 Prozent gegenüber 2019 (20235: -65 Prozent, 2040 -90 Prozent). Allein herstellerseitig ist damit der Fahrplan hin zu emissionsarmen Elektro-LKW festgelegt.

Auf Seite der Unternehmen bieten E-Lkw Vergünstigungen: Bereits seit 2023 hat die LKW-Maut eine CO2-Komponente, die pro Tonne ausgestoßenem CO2 ein Aufschlag von 200 Euro beträgt. Emissionsfreie Lkw sind davon bis 2031 befreit. Zudem ist auch im Dieselpreis eine CO2-Komponente enthalten. Dieser steigt künftig über das EU-Emissionshandelssystem (ETS II) deutlich an, was das bisherige deutsche System nEHS ab 2027 ersetzt. Eine exakte Höhe lässt sich noch nicht abschätzen.
Batteriebetriebene Schwerlast-Lkw haben zudem ein höheres zulässiges Gesamtgewicht von +2 Tonnen, was das Mehrgewicht der Batterien kompensieren soll.

IFAM-Projektleiter Sönke Stührmann
IFAM-Projektleiter Sönke Stührmann forscht an Elektro-LKW-Infrastrukturen © Fraunhofer IFAM

Was sagt die Wissenschaft zur Wirtschaftlichkeit von E-Lkw im Schwerlastbereich?

In dem öffentlichen Forschungsprojekt Transportation in Charge unter Leitung des Bremer Fraunhofer-Instituts für Fertigungstechnik und Angewandte Materialforschung IFAM wird untersucht, wie die Verkehrswende im Lkw-Bereich gestaltet werden kann. Dazu werden u.a. die Bedarfe für Ladeinfrastruktur für einzelne Unternehmen sowie in Gewerbegebieten und Güterverkehrszentren betrachtet.

Daten von 310 E-Lkw an 14 Standorten liefern Einblicke in den praktischen Einsatz. Sie werden unter Einbezug der lokalen Infrastruktur, der zu fahrenden Routen, Betriebs- und Anschaffungskosten und verschiedener Energiepreisszenarien analysiert.

Ziel ist es, Tools für die Flotten-Transformation zu entwickeln - gemeinsam mit Akteur:innen aus der Praxis, entlang der gesamten Wertschöpfungskette:

  1. Eine Untersuchung der technischen Machbarkeit, klärt welche Fahrzeuge geeignet sind
  2. Ein Total Cost of Ownership (TCO)-Tool ermöglicht Unternehmen die umfassende und langfristige Betrachtung der Wirtschaftlichkeit
  3. Ein Leitfaden berät interessierten Unternehmen, wie sie möglicherweise Ladeinfrastruktur gemeinsam nutzen können
  4. Strombedarfskarten prognostizieren Energie-Mehrbedarfe in Gewerbegebieten und können von Netzbetreibern für die Ausbauplanung herangezogen werden

Gibt es bereits Ergebnisse?

Auch wenn das Projekt noch nicht final abgeschlossen ist, kann der Fraunhofer IFAM-Projektleiter Sönke Stührmann bereits einige Erkenntnisse teilen: „Je nach logistischer Anwendung und Standortbedingungen unterscheiden sich Diesel- und batterieelektrische Lkw hinsichtlich ihrer Gesamtkosten über die Fahrzeuglebensdauer kaum noch, teilweise sind sie inzwischen günstiger." Trotzdem seien gerade die Anschaffungskosten nach wie vor hoch und eine Einstiegshürde. Die Nutzung von selbst erzeugtem Strom sei einer der entscheidenden Hebel für die Wirtschaftlichkeit.

 „Auch die noch unzureichende öffentliche Ladeinfrastruktur und die derzeit hohe Auslastung der Netzbetreiber bremsen manchmal den Erfolg der E Lkw. Netzbetreiber sind derzeit an vielen Stellen stark gefordert, weil der Strombedarf in vielen Bereichen gleichzeitig wächst und einen Ausbau der Netze erfordert. Dennoch gibt es für diese Herausforderungen grundsätzlich Lösungen, die auch praktisch umsetzbar sind."

Inzwischen haben auch zahlreiche Unternehmen mit der Umstellung ihrer Fahrzeugflotten auf E-Lkw begonnen. Allerdings fehlt KMU teilweise die nötige Kapazität für eine umfassende Planung, wodurch die Umsetzung langsamer voranschreitet als bei großen Konzernen.

„Es ist gerade für KMU herausfordernd eine Übersicht über alle nötigen Schritte zu erhalten, die für eine erfolgreiche Transformation notwendig sind. Deshalb bieten wir an, Unternehmen auf ihrem Weg der Flottentransformation zu begleiten – beginnend dort wo die Unternehmen technologisch stehen, entwickeln wir in einem offenen und transparenten Prozess gemeinsam die passenden Lösungen", so der Ingenieur weiter. Das Team um Sönke Stührmann entwickelt die dazugehörigen Tools stetig weiter. Die Arbeit erfolgt dabei immer praxisnah - gemeinsam mit Logistikunternehmen, Ladesäulen- und Netzbetreibern, Kommunen und Immobilien- und Gebietsentwickelnden.

Kontakt:

Dipl.-Ing. Sönke Stührmann
Energiesystemanalyse
Telefon +49 421 2246-7016
Soenke.stuehrmann@ifam.fraunhofer.de

Quellen:

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